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13.06.2023_Heidi Bayer KORSH

Heidi Bayer (Trompete, Flügelhorn)
Sven Decker (Bassklarinette, Tenorsaxophon)
Kalle Moberg (Akkordeon)
Robert Landfermann (Kontrabass)
Oli Steidle (Schlagzeug)

Das Leben steckt voller Kontraste. Sie zu akzeptieren, erfordert Mut. Unser angeborenes Harmoniebedürfnis aber durch den Filter dieser Kontraste zu schicken und dann aus Gegensätzlichem und auf den ersten Blick Widersprüchlichem etwas in sich Geschlossenes, Stringentes und Ganzheitliches abzuleiten, erfordert eine Meisterhand. Die in Köln lebende Trompeterin Heidi Bayer hat all das … den Mut, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, statt wie sie sein sollte, und die Gabe, der Logik des scheinbar Unvereinbaren zu folgen, um daraus die Poesie des Kontrasts abzuleiten. Und trotzdem oder gerade deshalb ist sie eine Utopistin, die Dinge zu Gehör bringt, die so noch kein Ohr vernommen hat.

Zunächst einmal fällt die Besetzung mit Heidi Bayer an Trompete und Flügelhorn, Sven Decker an Tenorsaxofon und Bassklarinette, dem Norweger Kalle Moberg am Akkordeon, Bassist Robert Landfermann und Drummer Oli Steidle auf. Aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen ergeben sich übrigens Bandname und Albumtitel. Unabhängig von der Tatsache, dass alle fünf Beteiligten auch selbst als Bandleader und Solisten Akzente setzen, stehen doch auch alle für eine ganz eigene Ästhetik, die sich sofort auch auf „KORSH“ offenbart. Gleich der erste Track „Once In A While“ klingt wie ein Schneesturm im Hochsommer. Verschiedene Kräfte wirken zusammen, die man so kaum auf einmal erwarten würde. Das Akkordeon drängt sich mit einer solchen Vehemenz in den Jazz-Kontext aus Trompete, Saxofon, Bass und Schlagzeug, als wollte es allein die Richtung vorgeben. Die Stimmen verhandeln miteinander und finden am Ende eine gemeinsame Richtung. All das ist genau so gewollt. Dieser Track deutet bereits an, was im weiteren Verlauf des Albums passiert, nimmt aber noch nicht alles vorweg. Denn „KORSH“ ist eine Reise, durch Höhen und Niederungen, durch Vertrautes und gänzlich Unbekanntes, durch Klarheit und Mystik, durch Persönliches und Abstraktes, und nicht selten alles zugleich.

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Die Kontraste sind in den Stimmen und Idiomen der an „KORSH“ Beteiligten bereits angelegt. Heidi Bayer schreibt Musik für Personen, nicht per se für Instrumente. Das Akkordeon lag ihr schon lange am Herzen, aber ebenso lange war sie auf der Suche nach einem Akkordeonisten, der diesen Spielraum zwischen Anmut und Experimentierfreude bereits in seiner Person vereint. Nach umfangreichen Recherchen wurde sie in Norwegen bei Kalle Moberg fündig. Das Füllhorn seiner Klangmöglichkeiten versetzte sie ebenso in Begeisterung wie sein stilistisches Spektrum von Klassik über Jazz bis zu Drones. Sein Akkordeon kann hier wie eine Orgel klingen, da wie eine Bassklarinette und manchmal einfach wie die Urgewalt der Erde selbst. Mit Moberg fuhr sie volles Risiko. „Erst beim Durchhören der Aufnahmen wurde mir klar, dass dies auch voll nach hinten hätte losgehen können“, resümiert die Trompeterin, um sogleich tief zu stapeln. „Es war einfach wahnsinniges Glück, dass das alles so geklappt hat.“

Dass es eben nicht nur Glück ist, sondern eben Heidi Bayers gutes Händchen für Klänge und Stimmen, wie auch ihr Feingefühl für die Klaviatur von individuellen Charakteren, zeigt die Auswahl der übrigen Musiker. Mit Sven Decker verbindet sie eine lange Freundschaft, die schon in unterschiedlichen Projekten und Bands zum Tragen kam. Besonders schätzt sie an dem Ausnahmesaxofonisten dessen Fähigkeit, bedingungslos loszulassen. Mit Decker gemeinsam dachte sie über eine passende Rhythmusgruppe nach. Der Berliner Drummer Oliver Steidle bringt eine Paarung von Ausdruckskraft und Verspieltheit mit, die präzise in Heidi Bayers Konzept passte. Vor allem bringt auch er die erforderliche Risikobereitschaft mit. Steidle wiederum schlug Robert Landfermann als Bassisten vor, den die Bandleaderin ohnehin schon im Fokus hatte. Landfermann ist ein extrem empathischer Individualist, der das nun komplette Quintett ausbalancierte.

Und natürlich ist da auch noch Heidi Bayers eigene Stimme. Die Vielfalt ihrer spielerischen Facetten und Verkleidungen ist beeindruckend. In jedem Song nimmt sie eine andere Rolle ein. Mal tritt sie uns sehr warm und verbindlich gegenüber, mal sehr unterkühlt und spitz, und mit Brillanz und Sujetsicherheit beherrscht sie das ganze Repertoire dazwischen. „Das passiert gar nicht bewusst, aber ich wollte eine Situation schaffen, in der ich mich selbst aus meiner Komfortzone entfernen muss. Ich wollte mir einfach mal erlauben, auch all die Seiten in mir hörbar zu machen, die sonst nicht so typisch für mich sind, aber trotzdem einen Teil von mir ausmachen.“

Heidi Bayer sucht nicht nach der größtmöglichen Schnittmenge zwischen den Mitgliedern ihrer Crew, sondern arbeitet Gegensätze heraus und macht Überlappungen hörbar. Ein Widerspruch ist nur dann ein Widerspruch, wenn er als Abweichung vom Einklang der Gegebenheiten wahrgenommen wird. Heidi Bayer geht von ihren eigenen Voraussetzungen aus und schafft auf deren Grundlage ein lebensnahes Ausnahmealbum. „KORSH“ beschreibt einen asynchronen Prozess individuellen und kollektiven Zusammenrückens und Auseinanderdriftens, bei dem neben spielerischen Freiräumen vor allem die multiplen Charaktere der fünf Musikerpersönlichkeiten zur Geltung kommen. Das ausgefeilte Changieren von Persönlichkeiten in einem klar vorgegebenen Rahmen hat man so noch nicht gehört.

“Eine Reise, durch Höhen und Niederungen, durch Vertrautes und gänzlich Unbekanntes, durch Klarheit und Mystik, und nicht selten alles zugleich. Heidi Bayers Vielfalt ihrer spielerischen Facetten und Verkleidungen ist beeindruckend.”

— Wolf Kampmann

Foto © Stefan Braunbarth

www.heidi-bayer.de

Fotos © Robert Fischer

Festival 2023

05.05.2023

Reinier Baas und Jesse van Ruller
Reinier Baas _ Gitarre
Jesse van Ruller _ Gitarre

Reza Askari ROAR feat. Christopher Dell
Stefan Karl Schmid _ Klarinette
Christopher Dell _ Vibraphon
Reza Askari _ Kontrabass
Fabian Arends _ Schlagzeug

06.05.2023

Susana Santos Silva
Susana Santos Silva _ Trompete

Alexander Hawkins Trio
Alexander Hawkins _ Klavier
Neil Charles _ Kontrabass
Stephen Davis _ Schlagzeug

Ausführliche Informationen unter www.jazz-plus.de/festival-2023

In Kooperation mit BR-KLASSIK
Mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und der JazzStiftung München

Gefördert durch den Bezirksausschuss 12 Schwabing-Freimann und die Kulturstiftung der Stadtsparkasse München

BR_KLASSIK
Kulturreferat

11.04.2023_inEvitable

Evi Filippou (Vibraphon, Perkussion, Gesang)
Arne Braun (Gitarre)
Julius Gawlik (Saxophon, Klarinette)
Robert Lucaciu (Kontrabass)
Moritz Baumgärtner (Schlagzeug)

inEvitable ist das neueste musikalische Projekt der Vibraphonisten Evi Filippou. Im Mittelpunkt steht das Experimentieren mit den Formen der griechischen Folklore, des Jazz und der improvisierten Musik.

Die Perkussionistin und Songwriterin folgt dabei ihrem Bedürfnis nach Selbstausdruck und erforscht ihre musikalischen Wurzeln zurück zum folkloristischen Erbe ihres Heimatlandes – mit Melodien, die zwischen zeitlosen, traditionellen Motiven, den Volksliedern der 60er und 70er-Jahren sowie der modernen Singer-Songwriter-Tradition liegen. Gleichzeitig hat sich diese zutiefst endemische Auseinandersetzung mit ihrem Weg durch die zeitgenössische Szene Berlins vermischt. Eine besondere Verschmelzung von Genres und persönlichen Erfahrungen, die zur Entstehung von inEvitable führte, einer Band, in der herausragende Improvisatoren mit Filippous Arrangements interagieren.

Zusammen spielen sie eine Sammlung von Arrangements und Kompositionen, die von Folk und traditionellen Genres inspiriert sind: Tanzmelodie der Insel Korfu, ein serbischer Klassiker, ein spirituelles Lied der afroamerikanischen Tradition oder eine Instrumentalversion von Angelique Ionnatos Musik. Das Ergebnis ist ein ökumenisch musikalischer Kosmos, gefüllt mit Postkarten aus aller Welt

Evi Filippou (1993), hat mit 7 Jahren angefangen Schlagzeug zu spielen. Mit einem Stipendium des Athener Konzerthauses schloß sie das Volos Konservatorium ab und zog 2011 nach Berlin, wo sie an der Hochschule für Musik „Ηanns Eisler” ihren Bachelor und MA Abschluss mit Auszeichnung machte.

An Berufserfahrung stehen die Mitwirkung bei Orchestern und Kammermusik Ensembles (u.a.Bolshoi Ballet Orchestra, Ensemble United Berlin) als auch solo Auftritte klassischer und improvisierter Musik und Duo Kooperationen (“ff duet” mit Katerina Fotinaki, “blowslap” Duo mit saxophonist Hayden Chisholm). Auch in der Jazz Szene aktiv spielt Filippou unter anderem bei Stefan Schultzes’ Large Ensemble und Chris Dahlgrens’ DHALGREN. Zusammen mit Harfenistin Andrea Voets arbeitet sie an Live Film Musik Projekte (musical journalism, u.a. “Xenitia – a documentary concert about migration”). Ihre eigene Musik und Arrangements spielt Evi mit ihrem Quintett inEvitable.

Ein grosser Teil ihres künstlerisches Lebens gilt dem Musiktheater (Gründungsmitglied des „Opera Lab Berlin” Ensembles). Sie wirkt bei zahlreichen Produktionen mit (u.a. in der Neuen Werkstatt der Staatsoper Berlin, Hauen und Stechen Musiktheater Kollektiv). Seit 2016 ist Evi auch Dozentin in berliner Grundschulen gefördet von “Vincentino e.V. – Kultur stärkt Kinder in Berlin”. Ständig beschäftigt mit der Koexistenz von Komposition und Improvisation, Präzision und authentischer persönlicher Ausdruck wohnt und übt Evi in Berlin.

Presse:

„Was für eine witzige Mischung aus griechischer Folklore, im Fall des Openers „Perdika reloaded“ von der Insel Korfu, Ringelspiel-Musik und freier Improvisation! Manches davon würde sich auch ideal als Soundtrack zur Untermalung eines „Tom & Jerry“-Streifens eignen. Die 29-jährige, aus Griechenland stammende und seit gut zehn Jahren in Berlin lebende Vibraphonistin und Perkussionistin Evi Filippou ist in der Klassik und in der Neuen Musik ebenso zuhause wie im Jazz, in der freien Improvisation oder im Musiktheater. Es gelingt ihr mit beeindruckender Leichtigkeit, ihre vielseitigen Interessen in einen gleichermaßen mitreißenden wie stimmigen Mix zu integrieren, auf dem die Beschäftigung mit den musikalischen Wurzeln ihrer ursprünglichen Heimat sozusagen als außergewöhnliches Sahnehäubchen thront.

Filippou ist an Vibraphon und Perkussionsinstrumenten gleichermaßen wendig und einfallsreich wie beim Komponieren und Arrangieren, was natürlich kongeniale Partner erforderlich macht. Der russische Altsaxophonist und Klarinettist Eldar Tsalikov agiert höchst sensibel, kann aber auch förmlich explodieren, der finnische Gitarrist Arne Braun steuert unorthodoxen Saitenzauber bei, und das aus Bassist Felix Henkelhausen und Drummer Moritz Baumgärtner bestehende Rhyhtmus-Gespann versteht es, Filippous komplexe rhythmische Ideen mühelos zu verfeinern und umzusetzen. Die Gäste Julius Gawlik (Tenorsax, Klarinette) und Jone Bolibar (Klarinette, Bassklarinette) fetten bei Bedarf die Bläserstimmen auf.

„Maria“ startet als stimmungsvolles impressionistisches Klanggemälde, das mit wundervoller Leichtigkeit nahezu tänzerische Qualitäten entwickelt. Das auf einem serbischen Folk-Song basierende „Spa of Niš“ lässt Balkan-Swing aufleuchten, rasch durchbrochen durch freie Einwürfe, bevor es gar zu idyllisch wird. Auch die rasante „Hymn to the Sun“ – von der 2021 verstorbenen, griechischen Sängerin und Komponistin Angélique Ionatos geschrieben und von Filippou arrangiert – ist mit den für die griechische Folklore typischen, ungeraden Rhythmen gespickt. Bei „In The Apple Tree“, einer Improvisation nach dem Stück „I Milia“ des zeitgenössischen, kretischen Musikers und Komponisten Loudovikos ton Anogeion, steuert Lara Alarcón Vokalartistisches bei. Das von Elias Stemeseder komponierte „Resolution Points“ stellt einen rasanten Ausflug in die Neue Musik dar, während das auf dem Gospelsong „Just a Closer Walk With Thee“ basiernde „Ode to A.L.B.B.“ einen stimmungsvoll swingenden Abgang aus diesem enorm abwechslungsreichen Debütalbum von inEvitable beschert.

In den Bandnamen ihres Quintetts hat Filippou klarerweise ein Wortspiel mit ihrem Vornamen versteckt, und das englische Wort „inevitable“ hat eine ganze Menge an Bedeutungen – zwangsläufig notwendig, unumgänglich, unvermeidlich, naturgegeben –, sie alle passen irgendwie auf dieses bei Alfred Vogels Boomslang Records erschienene Album, das man auch als notwendiges Ventil für die außerordentliche Kreativität der Bandleaderin sehen kann. Die Band hat übrigens bei den diesjährigen Bezau Beatz auch ihre hervorragenden Live-Qualitäten unter Beweis gestellt, und Evi Filippous charmante Art und überbordende Spielfreude wirkte auf die Mitspieler gleichermaßen ansteckend wie auf das begeisterte Publikum.“

(Peter Füssl · 07. Sep 2022 · CD-Tipp Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft)

Foto © Markus Lackinger

evifilippou.com

Fotos © Robert Fischer

14.03.2023_The Consistency of Destruction

Pascal Klewer (Trompete)
Leif Berger (Schlagzeug)
Felix Hauptmann (Klavier/Synthesizer)
Roger Kintopf (Kontrabass)
Florian Herzog (Kontrabass)

“The Consistency of Destruction” arbeitet und forscht an Strukturen, Polyrhythmik, Dichte und Klang. Die Musik des Kölner Ensembles, bestehend aus den beiden Bassisten Roger Kintopf und Florian Herzog, dem Schlagzeuger Leif Berger, dem Pianisten Felix Hauptmann und dem Trompeter Pascal Klewer, befindet sich an den Grenzen der Avantgarde, Improvisierten Musik und der Neuen Musik. Die intensiv erarbeiteten Stücke, Vorlagen, Vorgaben und Konzepte werden stets weiter erforscht und schließlich zerstört, hinterfragt und neu verkoppelt.

Die Band veröffentlicht im Laufe 2021/2022 insgesamt 5 Alben auf dem Label sts|sts records.

pascalklewer.com

Presse:

https://www.spiegel.de/start/jazz-musiker-werden-pascal-klewer-ueber-sein-studium-sein-gehalt-und-die-corona-krise-a-6a2e151c-df8f-4bd7-a28e-748c740cd622

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

14.02.2023_TAU 5

Felix Henkelhausen (Electronics, Bass)
Ludwig Wandinger (Electronics)
Moritz Baumgärtner (Schlagzeug)
Philip Zoubek (Synthesizer)
Philipp Gropper (Tenor und Sopransaxophon)

Seit ihrer Gründung arbeiten TAU 5 auf Basis neuer Kompositionsformen und Improvisationskonzepte an dem Vokabular einer eigenen, kollektiven Klangsprache und entwickeln ausgehend von Jazz, Electronic, HipHop, Improv und Neuer Musik ihren Sound mutig weiter.

Supergroup ist – zugegeben – ein etwas abgeschmackter Begriff. Aber im Herbst 2020, in einer Zeit, in der jede mögliche Gruppenbildung mit tollen Individuen nicht nur in der Kunst ein Grund zur Freude ist, möchten wir ihn gerne wieder zurück auf den Plan rufen. TAU 5 ist ein solches Supergruppen-Quintett mit Basis in Berlin, das aus fünf schillernden Persönlichkeiten der jungen europäischen Jazzszene besteht. Moritz Baumgärtner an Schlagzeug und Percussion, Philipp Gropper am Saxophon, Philip Zoubek an der Electronic, Felix Henkelhausen am Bass – und nicht zuletzt Ludwig Wandinger als Produzent und Editor. Denn die Editierarbeit ist tatsächlich ein wichtiger, beinahe kompositorischer Teil ihres Debüt-Albums mit dem allumspannenden Titel „Kreise“. Über drei Jahre hinweg hat das Material große Kreise an den unterschiedlichen Schnittstellen der Produktion gezogen. Von den Kompositionen und Konzeptionen bis zum finalen Mixdown. Wir hören gespielte Notationen, freie Jams und erneute Improvisationen zu bereits editierten Sessions auf dieser kreisförmigen Doppel-Langspielplatte. Das Ende eines Prozesses wird bei TAU5 stets als Anfang eines neuen Prozesses begriffen.

Hier trifft „Bitches Brew“ auf den Geist von Eric Dolphy oder Cecil Taylor unter den Produktionsbedingungen von Ableton-Live. So erinnert „Kreise“ in vielen Momenten eher an Flying Lotus, als an ein klassisches Live- Quintett des Free-, Modern- oder Fusion-Jazz- Betriebs. Doch selbstverständlich besitzen TAU 5 die Fähigkeiten, diese unfassbare Musik 1 zu 1 auf die Bühne zu bringen. Schließlich sind sie weder ein Kurator*innen- noch Produzentent*innen-Traum. Wir sprechen über eine Band: „Next level shit“, würden da wohl die Nachbar*innen aus der HipHop-Abteilung sagen. Dabei sind die Musiker von TAU 5 genauso vom HipHop wie von elektronischer Musik beeinflusst, so wie der Jazz längst wieder mit einer großen Selbstverständlichkeit junge Leute vom Pop bis in die Elektronik hinein beeinflusst. Der Erdkundelehrer-Muff von einst ist lange verflogen. Dem Internet sei gedankt. Nicht nur ihm, aber sicherlich auch.

Die Musik zieht sowieso munter weiter ihre Kreise. Saxophone mit soundverfremdenden Plug-Ins, komplexen, handgespielten Drum- Patterns und den darauf fußenden Loops. „Natürliche“ Sounds und Synthesen. Alles morpht hier ineinander, so wie das Artwork des Berliner Künstlers Markus S. Fiedler, von dessen Arbeit auch niemand mehr mit Gewissheit sagen kann, ob seine Bilderwelten in all ihrer farbigen Pracht vollständig am Computer generiert sind, oder ob es doch nur ein Tableau ist, auf dem fotografische Elemente am Rechner weiterbehandelt wurden.
Was all diese Fragen über die mediale Wahrnehmung unserer Gegenwart aussagen, mag jede(r) für sich entscheiden. Die Gruppe TAU 5 sieht dieses Album ohnehin nicht als ein Manifest, sondern als eine Beschreibung von Zuständen. Als könne man für ausgewählte Momente der Erschaffung oder Erhaltung von Systemen zuhören. Ja, als hörten wir beim Bestäuben einer Pflanze für wenige Minuten nicht nur der Biene, sondern auch der Pflanze zu. Oder den Wolken da oben auf ihrer Reise vom Meer in die nächste Bauernschaft oder Metropole. Die vorbeifahrenden Autos nicht zu vergessen. Und die Prozessoren in unseren Rechnern und Smartphones…

Es ist ihre große Offenheit, Neugierde und natürlich sind es ihre immensen Fähigkeiten, die TAU 5 im Kollektiv zur eingangs beschriebenen Supergroup mit einem echten Superalbum machen. Fantastisch!

Foto @ Andre Symann

http://moritzbaumgaertner.de
http://philippgropper.com
https://www.felix.henkelhausen.net
https://www.ludwigwandinger.com
https://www.philipzoubek.com

Fotos © Robert Fischer

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

10.01.2023_Nissen Mosh

Asger Nissen (Saxophon)
Valentin Gerhardus (Klavier)
Thorbjørn TB Stefansson (Kontrabass)
Marius Wankel (Schlagzeug)

Nissen Mosh spielt erfrischend neue Eigenkompositionen des dänischen Saxophonisten Asger Nissen. Nachdem dieser sich in den letzten Jahren in der deutschen Jazzszene etabliert hat, präsentiert er nun seine brandneue Band.

Die Musik von Nissen Mosh spiegelt einige von Asgers wichtigsten Einflüssen aus alter, moderner und zeitgenössischer Musik in einem frischen, neugierigen und lebendigen Klangbild wider. Das manchmal fast symbiotische Zusammenspiel zwischen Valentin Gerhardus und Asger Nissen schafft eine besondere Atmosphäre harmonischer Spontanität und melodischem Überfluss, begleitet von einer Rhythmusgruppe, bestehend aus TB und Marius Wankel, die nicht nur ein solides Fundament legt, sondern auch die Führung übernehmen kann und so einen starken und einheitlichen Bandsound schafft.

Gemeinsam machen Nissen Mosh energiegeladene Musik mit harmonischen und melodischen Experimenten, getragen von einem starken rhythmischen Fundament, vibrierenden Grooves, fließenden Beats und purer Power.

„Nissen ist ein ausgezeichneter Improvisator, der das Abstrakte stimmig mit dem sanglich Emotionalen zu verbinden weiß, aber sein Hauptaugenmerk liegt auf Kompositionen, deren lange dramaturgische Bögen eine gewisse spirituelle Nähe zu Tim Berne verraten.”

Wolf Kampmann, Jazzthing, Feb/March 2020

www.asgernissen.com

ASGER NISSEN (*17.11.1996)
Seit seiner Ankunft in Berlin Ende 2017, hat sich der dänische Altsaxophonist Asger Nissen, mit seinem unverwechselbaren emotionalen Sound sowie seinem energiedurchzogenem und neugierigem Spielansatz einen Namen als gefragter Saxophonist in der deutschen Jazzszene gemacht. Er arbeitet mit den unterschiedlichsten Jazzmusiker*innen (zB. Jim Black, Jeff Ballard, Wanja Slavin, Jonas Westergaard, Mirna Bogdanovic, Chris Dell, Otis Sandsjö, Philipp Gropper, Olive Steidle, Uli Kempendorff, Pablo Held, Bernhard Meyer, Phil Donkin usw.) zusammen und tourte durch ganz Europa — mit Konzerten in zahlreichen Clubs und auf Festivals (u.a. A-Trane, Montmartre Kopenhagen, Loft Köln, Jazz Baltica, North Sea Jazz, Copenhagen Jay Festival, … ).
Vor seiner Zeit in Berlin war Asger Nissen ein aktiver Teil der Kopenhagener Jazzszene und war Mitglied der preisgekrönten Band ALAWARI!.
Asger Nissen wurde 2021 mit dem JIB Jazz Preis der Karl Hofer Gesellschaft 2021 ausgezeichnet als herausragender Solist. Im August 2021 hat er mit dem Kölnerformation, STRUCTUCTURE, den Avignon Jazz Preis gewonnen.

VALENTIN GERHARDUS (*16.07.1997)
Valentin Gerhardus ist Pianist und lebt in Berlin. Bereits als Schüler stand er bei einem Austauschprojekt mit dem New Yorker Musiker Roy Nathanson (Jazz Passengers, Lounge Lizards) auf der Bühne und war Preisträger bei Wettbewerben wie der Bundesbegegnung Jugend Jazzt in Stuttgart 2014. Von 2015 bis 2020 studierte er Jazz Klavier bei Prof. Michael Wollny an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Als Teil der Leipziger, Berliner und Münchner Musikszene tritt er regelmäßig deutschlandweit auf, spielte zudem Konzerte in Rumänien, England und Wales. Hierbei spielte er mit Musikern wie Tony Lakatos, Phil Donkin, Johannes Enders, Onyx Collective, Johannes Lauer, Philipp Gropper, Moritz Baumgärtner, Uli Kempendorff, Wanja Slavin, Leif Berger.
Anfang 2020 startete er gemeinsam mit Uli Huebner die Konzertreihe „Glitch“ in Leipzig mit geplanten Gästen wie Kalle Kalima, Otis Sandsjö, Leif Berger etc.

THORBJØRN TB STEFANSSON (*13.11.1997)
Thorbjørn Stefansson (alias TB), ist ein Dänischer Bassist aus Aarhus. Schon während seiner Abschlussjahre am Gymnasium war er ein wichtiger Teil der aufstrebenden Jazzszene von Aarhus. Dort spielte er mit prominenten Vertretern der dänischen Jazzszene, wie Claus Waidtløw oder Artur Tuznik.
Nach dem Abschluss seines Abitur verbrachte TB zwei Jahre in Schweden an der renommierten Internatsschule Skurup Folkshögskola, wo er Unterricht von u.a. Johnny Åman, Fredrik Kronkvist und Kathrine Windfeld erhielt.
TB lebt jetzt seit 2019 in Berlin, wo er seinen Bachelor am Jazz Institut Berlin der Universität der Künste absolviert. Er ist ein wichtiger Bestandteil der jungen Berliner Jazzszene und spielt mit unter anderem Moritz Baumgärtner, Uli Kempendorff und Uri Gincel.

MARIUS WANKEL (*11.07.1996)
Marius Wankel ist Schlagzeuger und lebt in Berlin. Nachdem er in einer musikalischen Familie früh zum Klavier und Schlagzeug gefunden hatte, begann er nach dem Musikgymnasium den Bachelor im Hauptfach Jazzschlagzeug an der Hochschule für Musik Würzburg und bekam Unterricht bei Bill Elgart und Bastian Jütte. Zwischen 2013 und 2015 war er bei „Jugend Jazzt“ Preisträger mit verschiedenen Besetzungen. 2018 wechselte er an das Jazz Institut Berlin, um dort sein Studium bei u.a. Heinrich Köbberling und Greg Cohen fortzuführen. Neben zahlreichen Projekten in Berlin ist er auch ein aktives Mitglied der Jazz Szenen in München und Leipzig.

Fotos © Robert Fischer

13.12.2022_USINE

Cansu Tanrıkulu (Gesang, Elektronik)
Declan Forde (Klavier)
James Banner (Kontrabass, Elektronik)
Max Andrzejewski (Schlagzeug)

USINE vereint vier in Berlin lebende Solist*innen zu einem verstörenden, dunklen und energetischen Gebilde. Improvisationen werden zu Stücken verarbeitet, die die Grundlage für die Songstrukturen bilden, aus denen sie hervorgehen.

USINE gibt neue Texte bei Autor*innen aus der ganzen Welt in Auftrag und präsentiert eigene anti-konservative Songs mit der Energie des Punk, wobei Freiheit und Unerbittlichkeit im Vordergrund stehen.

,,Gefühlstief und dramatisch… zart und schön… voller Drama und stark improvisation“
– Tony Dudley-Evans, Europe Jazz Network

,,Musikalisch ist es ja auch ein sehr breites Feld was ihr absteckt… von ganz klaren Song-Struckturen bis zur totalen Freiheit, Offenheit, in der niemand von vorne rein weiß wo es hinführen würd, am ende findet ihr zusammen…’’
– Ulf Drechsel, rbbKultur

,,Jazz des 21. Jahrhunderts, fest verwurzelt in der musikalischen Geschichte, aber mit neuen Blicken in deren Zukunft. Nein, das ist keine Musik, um Sie beim Abendessen mit der Familie im Hintergrund laufen zu lassen. Das will und soll sie auch nicht sein.’’
– Claus Volke, hören und fühlen

Foto © Dovile Sermokas

jamesbanner.com/usine_de/

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

22.11.2022_Günter Baby Sommer & The Lucaciu 3

Günter „Baby“ Sommer (Schlagzeug)
Antonio Lucaciu (Saxophon)
Simon Lucaciu (Klavier)
Robert Lucaciu (Bass)

Vier Perspektiven auf improvisierte Musik treffen im neusten Projekt des Schlagzeugers Günter Baby Sommer aufeinander. Auch wenn die Gemeinsamkeiten der Protagonisten nicht zu übersehen sind – teilen drei von ihnen sogar denselben Nachnamen – bringt hier jeder seine ganz eigenständige Stimme ein.

So bewegen sich die Kompositionen zwischen kurzen Melodiefragmenten mit großer improvisatorischer Freiheit und konzipierten Texturen, die dem Quartett ausdifferenzierte Strukturen entlocken. Die Inspirationsquellen dafür sind vielfältig. In der Auseinandersetzung mit Hugo Balls Poesie, Bartoks Klaviermusik und fast vergessenen Volksliedern entstehen neue Zwischenräume. Es ist spannend, dabei zuzusehen und zu hören, wie intergenerationell und innerfamiliär auf der Bühne verhandelt wird.

„Familientreffen haben immer einen eigenen Reiz: tiefe Vertrautheit verbunden mit einem ganz besonderen Konfliktpotential. Innerfamiliäre Spannungen haben eine sehr spezielle Form von Elektrizität. So ein Knistern spürt man auch auf dem Album „Karawane“ der drei Lucaciu-Brüder aus Plauen – Altsaxophonist Antonio, Pianist Simon und Kontrabassist Robert – zusammen mit der Dresdner Schlagzeug-Legende Günter Baby Sommer. Dieser Trommel-Meister, zwei Generationen älter als die drei hochmusikalischen Lucacius, zeigt auf dem Album seine ganze Bandbreite an Klangkunst: kompromisslos energetisch, mit der „Baby-eigenen“ Power, aber auch mit seinem untrüglichen Geschmackssinn für lyrische Geräusche. Die drei Lucacius sind dabei absolut gleichberechtigte Anspielpartner untereinander und mit Sommer im Dialog. Heiß britzelnde Luft, dunkle, sich auftürmende Wolken, cooler Windhauch, all das weht durch die Kompositionen auf dem Album „Karawane“. Auch das gleichnamige Dada-Gedicht von Hugo Ball wird zum Klingen gebracht. Und natürlich darf auch ein „Hymnus“ von Günter Baby Sommer nicht fehlen, an dessen Kantigkeit man sich einfach nicht satt-hören kann. „Karawane“ ist ein buntes und vielfältiges musikalisches Familientreffen, bei dem alle Beteiligten auch von sich selbst erzählen dürfen. Etwa ist Antonio Lucacius Prägung als Popsaxophonist durch aus spürbar, Roberts weiter Horizont als Improvisator mit Nähe zur Neuen Klassischen Musik, Simons Feinfühligkeit, mit zarten Einflüssen seines Professors Michael Wollny. Und Günter Baby Sommer, der ist sowieso immer unumstößlich er selbst. So ein Familientreffen macht richtig Spaß“

Hören wir Gutes und reden darüber!
BR-KLASSIK, 14.06.2022 von Beate Sampson, Roland Spiegel, Ulrich Habersetzer

Foto © Tobias Sommer

 

Fotos © Wolfgang Schön

 

Foto © fotoki-art.de

08.11.2022_Witold

Kalle Kalima (Gitarre)
UIi Kempendorf (Bariton- und Tenorsaxophon)
Moritz Baumgärtner (Schlagzeug)

Zu einer Session im Sommer 2019 brachte Kalle eine Bearbeitung für Gitarre von Witold Lutoslawskis „Melodie Ludowe“ (Folk Melodies) mit. Lutoslawski, einer der größten europäischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, schrieb diese Lieder kurz nach dem 2. Weltkrieg als „funktionale Musik“, um seine Familie zu ernähren.

Die Mischung aus naiven Melodien, krummen folkigen Formen und Lutoslawskis teils wunderschönen, teils kryptischen und dichten Harmonien, bietet genau das richtige Ausgangsmaterial für Improvisation und Triokonversationen mit einem unsichtbaren vierten Mann, irgendwo zwischen Jimmy Giuffres Trios und Tim Berne.

Foto © Christina Marx

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

11.10.2022_Simon Below Quartett

Fabian Dudek (Alt-, Sopransaxophon)
Simon Below (Piano, Komposition)
Yannik Tiemann (Kontrabass)
Jan Philipp (Schlagzeug)

Die vier jungen Musiker des Simon Below Quartetts studierten Jazz an der Hochschule für Musik Köln. Ihr Zusammenspiel ist mal extrovertiert energetisch – mal melancholisch minimalistisch! Simon Belows Kompositionen lassen eine hohe Aktionsfreiheit zu. Im März 2017 gewann das Quartett ein Stipendium der Werner Richard – Dr. Carl Dörken – Stiftung. Ihre Debut-CD, welche sie im Loft in  Köln aufgenommen haben, ist bereits im Kasten (Release: Mai 2018 bei „Double Moon Records Jazz thing Next Generation“). Außerdem gewann die Band im August 2018 den international-ausgeschriebenen Avignon-Jazzpreis („Tremplin Jazz D’Avignon“). Der Preis war eine drei-tägige Studio-Produktion im wunderbaren & renommierten „La Buissonne“-Studio. Im August 2019 – genau ein Jahr nach dem letzten Besuch in Avignon – nahmen die vier Musiker also das zweite Album der Band auf. Wie auch beim ersten Album hört man ausschließlich Kompositionen von dem Namensgeber der Band. „Elements of Space“ erschien am 18. September 2020 unter dem renommierten Label „Traumton“. 2020 erhielt die Band eine Förderung durch die „Initiative Musik“.

Stilistisch bewegt sich das Quartett im Modern Creative mit Einflüssen aus dem Im- und Expressionismus. Offen gehaltene Kompositionen des Namensgebers der Band garantieren Hochspannung sowohl beim Publikum als auch immer wieder aufs Neue bei den Musikern selbst. „Nicht alles von A bis Z in einer Komposition festzuhalten, ist für den Sound der Band elementar. Prozesse der Improvisation und Kommunikation sollen nicht durch zu viele Vorgaben gestört werden.“ So kann es durchaus passieren, dass phasenweise freie Improvisationen zustande kommen. Teile des Themas können an verschiedenen Orten des Takes aufkommen; auch Duo-Passagen sind jederzeit denkbar. Im Fokus steht, spontan zu interagieren und spannende Musik zu kreieren.

NORBERT KRAMPF (FAZ), Pressemitteilung für das aktuelle Album “ELEMENTS OF SPACE” (2020):

Schon das 2018 erschienene Debütalbum des Simon Below Quartett, Wailing Wind’s Story, ließ viele aufmerken, ebenso wie die folgenden Konzerte. Thomas Mau lobte im WDR3 „das enorme Niveau ihrer Interaktionen“, Norbert Krampf hob in der FAZ die „Achterbahn ähnliche Dynamik und unerwartete Wendungen“ eines Auftritts hervor und resümierte: „Belows offene, variable Kompositionen lassen Raum für individuelle Gestaltung, den die Band mal bemerkenswert abgeklärt, mal mit juveniler Spielfreude ausfüllt.“

Im August 2018 trat das Simon Below Quartett beim internationalen Jazzfestival Avignon auf und gewann dort den Grand Prix du Jury: drei Aufnahmetage im berühmten La Buissonne Studio im südfranzösischen Pernes les Fontaines. Hier wurden bereits unzählige ECM-Produktionen eingespielt (z.B. von Tigran Hamasyan, Florian Weber, Nik Bärtsch, Kristjan Randalu), ebenso solche von Klaviergroßmeistern wie Joachim Kühn, Brad Mehldau, Ahmad Jamal und Carla Bley. Neben den Studiotagen im Sommer 2019 umfasste die Auszeichnung einen erneuten Festival- Auftritt auf der dortigen Hauptbühne, dem begeisterte Artikel in französischen Jazzmedien folgten.

Elements Of Space präsentiert nun die Aufnahmen aus La Buissonne. Es liegt sicher nicht nur am herausragenden Klang und am Geist des Studios, dass die nuancierte Musik des Albums mitunter an Produktionen aus dem Hause ECM erinnert. „Kammerjazz mit Push“ nennt Simon Below augenzwinkernd den Stil seiner dynamischen Band, die sich souverän zwischen nuancierten, lyrischen und zupackenden Passagen bewegt. Nicht selten passieren diese Wechsel schon innerhalb eines Stückes, wie der Aufmacher Wasserschwimmer eindrucksvoll zeigt. Belows Kompositionen sind bemerkenswert ausgereift und vielschichtig, was sicher auch seinen unterschiedlichen Inspirationsquellen zu verdanken ist. Sie umfassen Jazz-Klassiker (Bill Evans, Miles Davis, Herbie Hancock, John Coltrane) und zeitgenössische Künstler*innen (Sylvie Courvoisier, Tyshawn Sorey), darüber hinaus Bela Bartók (u.a. wegen dessen für die damalige Zeit innovativen Überlagerungen von zwei unterschiedlichen Harmonien) und Frédéric Mompou.

Verglichen mit dem Debüt spielen Belows detailscharfe Kompositionen auf Elements Of Space eine prägnantere Rolle, trotzdem lässt er seinen Bandpartnern bei Umsetzung der Stücke weiterhin Raum für eigene Ideen. „Die Kompositionen enthalten Aufhänger, die den Improvisationen gewisse Formen geben“, erklärt Below. „Im modalen Hymn To The Stars beispielsweise bleibt die Melodie stets präsent, einzelne Musiker können sie als Sprungbrett nutzen und unterschiedliche Formteile spielen.“ Das gravitätische Isonoe ist ebenfalls modal und offen angelegt, Raindrops und Sandstone hingegen setzen mehr auf feste Formen – mit gewitzten strukturellen Brüchen, etwa wenn in Sandstone mehrfach das Tempo wechselt. „Wichtig ist, auf Risiko zu gehen, sich nicht zu sehr an die Regeln zu halten, sondern Mut zu haben, auszubrechen“, sagt Simon Below, „wohl niemand möchte ein Album, auf dem alle ganz vorsichtig agieren. Dazu gehört auch, erweiterte Spieltechniken einzusetzen – und dass mich Fabian immer wieder herausfordert, energetisch zu spielen.“

Tatsächlich bilden das eher subtile als auftrumpfende Naturell des Pianisten und der entschlossene, bisweilen geradezu aufbrausende Gestus des Saxophonisten immer wieder interessante Spannungsfelder. Während Below „auch noch distinguiert und relativ introvertiert klingt, wenn er schnellere Akkordfolgen ins Dissonante driften lässt“ (FAZ), kontert Dudek mit markantem, zwischen warmen Timbre und rauen Modulationen changierendem Ton. Bereits 2016 erhielt er das hoch dotierte Jazzstipendium der Stadt Frankfurt, 2017 wurde er als Solist beim „Jungen Deutschen Jazzpreis Osnabrück“ ausgezeichnet. „Mit seiner energiegeladenen, häufig ekstatischen Ausdruckskraft ist Fabian der expressivste der Quartetts – und wir wissen damit umzugehen“, lacht Below.

Dass sich die 2016 gegründete Band perfekt versteht, lassen die vorliegenden, in nur zwei Tagen entstandenen Aufnahmen klar erkennen. Sechs der acht Stücke fanden sich schon zuvor im Live- Repertoire, das besagte Hymn To The Stars wurde ebenso wie John Taylors Windfall spontan eingespielt. Von Hymn gibt es genau die zwei Takes, die beide auf dem Album zu hören sind; nur wenige Titel wurden öfter, keiner mehr als vier Mal aufgenommen. „Die Atmosphäre im Studio ist wunderbar, den Spirit des Ortes haben wir automatisch aufgesogen. Unwillkürlich wurde alles noch intimer, sind wir noch aufmerksamer miteinander umgegangen.“

Am Klavier begann Below (*6.7.1995) in jungen Jahren mit der klassischen Schule, doch schon als Teenager bevorzugte er – beeindruckt u.a. von Keith Jarretts Solo-Werken – Jazz und Improvisationen. Glücklicherweise wurde er dabei von seinem damaligen Lehrer in Xanten gefördert. Dreimal gewann Below den 1. Preis bei Jugend Jazzt NRW (2009, ’12, ’14), 2017 erhielt er den Steinway Förderpreis NRW. Im folgenden Jahr wurde er Mitglied im Förderverein Live Music Now. An der Hochschule für Musik und Tanz in Köln lernte Below seine zukünftigen Bandpartner kennen, schon kurz nach der Gründung erhielt das Quartett ein Stipendium der Werner Richard – Dr. Carl Dörken Stiftung. „Ursprünglich haben wir uns bei Jamsessions angefreundet, dann habe ich die Sache in die Hand genommen und wurde zum Bandleader“, grinst Below. Wie er sind auch der agile Schlagzeuger Jan Philipp und Fabian Dudek Mitte Zwanzig, Bassist Yannik Tiemann ist ihnen um vier bis fünf Jahre voraus. Alle zählen zur viel beachteten nächsten Generation des deutschen Jazz und verfügen über individuelle Qualitäten. „Jan kann sich sehr fein einfühlen, unterstützt die Musik, weil er immer die Gesamtdramaturgie im Blick hat. Auch in Rubato-Passagen weiß er klangvolle Akzente zu setzen“, freut sich Below. „Und Yannik ist als Verbindung immens wichtig, weil er dafür sorgt, dass meine Harmonien gut klingen. Zudem stellt er geschmackvoll Bezüge zu meinen Kompositionen her und sorgt für Formbewusstsein in der Band.“

Der Albumtitel Elements Of Space sowie die Namen einiger Stücke verweisen auf Simon Belows Interesse an Astrophysik. „Bilder aus dem All berühren mich sehr. Das Universum scheint grenzenlos und geht auch in seiner Zusammensetzung über irdische Vorstellungen hinaus. Es gibt in der Astrophysik unentdeckte Dinge, die man sich derzeit auf bestimmte Art vorstellt, die aber letztlich vielleicht doch ganz anders aussehen. Der Zauber des Unvorhersehbaren, des Überraschungsmoments, spielt für mich auch in der Musik eine entscheidende Rolle.“

Simon Belows Kompositionen lösen traditionelle Formen auf, lassen „klassische“ Abläufe (Thema-Improvisation-Thema) hinter sich und zeigen individuelles Profil. Das intuitive Einverständnis innerhalb der Band befördert langsam sich aufbauende Steigerungen und jähe Wechsel von Transparenz und Verdichtung. So entwickelt das Simon Below Quartett eindrücklichen Gestaltungswillen, der einher geht mit einer lebendigen, dem Publikum zugewandten Spielhaltung. Zeitgemäßer, leidenschaftlicher Jazz von jungen, charakterstarken Musikern.

www.simonbelow.com/quartett

Foto © Kilian Amrehn

Fotos @ Robert Fischer