Alle Artikel in der Kategorie “Archiv

14.05.2024_Mount Meander

Kārlis Auziņš (Saxophon)
Lucas Leidinger (Klavier)
Tomo Jacobson (Kontrabass)
Thomas Sauerborn (Schlagzeug)

Dass Jazz eine universelle Sprache ist, beweist dieses länderübergreifende Quartett mit Musikern aus Deutschland, Lettland und Polen. Wenn Sie die Namen dieser vier Vertreter einer neuen Generation europäischer Musiker, nämlich Karlis Auzins, Lucas Leidinger, Tomo Jacobson und Thomas Sauerborn, nicht kennen, werden Sie sicherlich einige von denen kennen, mit denen sie bereits spannende Partnerschaften eingegangen sind: John Tchicai, Mat Maneri, Lotte Anker, Andrew D’Angelo, Adam Rudolph, Randy Peterson, Kresten Osgood, Sidsel Endresen und Frank Gratkowski.

Dies gibt Ihnen eine Vorstellung davon, was Sie erwarten können: Musik mit einer Haltung, und die Haltung ist, als ein Organismus zu funktionieren. Es handelt sich nicht um eine einfache Zusammenkunft von vier Individuen, sondern um ein komplettes Wesen, das sich der intuitiven und kollektiven freien Improvisation verschrieben hat. Bedeutet das, dass es sich um nicht-idiomatische improvisierte Musik handelt, um die von Derek Bailey erfundene Bezeichnung zu verwenden? Nicht ganz: Die Band Mount Meander nutzt musikalische Idiome, um die Grenzen zwischen Jazz, Avantgarde, Weltmusik, Rock und Pop einzureißen, und zwar gerade weil es in ihrer Musik nicht um Genres geht. Es geht um Einigkeit, Gleichheit, Vertrauen und Kommunikation.

– Pedro Costa (Cleanfeed Records)

“This quartet shows us that there need not be a compromise when it comes to jazz that is both bold and enjoyable to listen to. Here, stunning melodies go hand-in-hand with restless experimentation, and the end-result is music that is endlessly alluring.”
4/5 stars (Derek Stone – Free Jazz Blog – USA)

„Definitely one of the best European Avant-Garde Jazz albums that landed on my desk so far in 2019“
(Adam Baruch – The Soundtrack of my Life – Poland)

„[With] the band’s second CD (…) the quartet members now travel firmly on their own route with no meandering. (…) Avant-garde to some, modern mainstream to others, Live in Berlin helps define what cooperation can achieve. Maybe hyperbolic politicians should start taking tips from Jazz musicians.“
(Ken Waxman – Jazz Word – USA)

www.karlisauzins.com
www.lucasleidinger.com
www.tomojacobson.com
www.thomassauerborn.de

Foto © Malwa Grabowska

09.04.2024_Nebbia / Banner / Andrzejewski: Presencia

Camila Nebbia (Saxophon)
James Banner (Kontrabass)
Max Andrzejewski (Schlagzeug)

Dieses Trio etablierter Solist*innen aus Berlin wurde in Zusammenarbeit gegründet und bringt einen rohen Impuls in ihre eigene, im Jazz verwurzelte Musik, sowie Mutationen und Erneuerungen ritueller musikalischer Formen. Ausgehend von dem Wunsch, zu den früheren Erfahrungen in den kollektiven Bands aus der Jugendzeit zurückzukehren, wird das Material von allen drei Mitgliedern beigesteuert, mitkomponiert und entwickelt – dies bildet die Grundlage für die ungehemmte und eindringliche Herangehensweise der Improvisation. Durch ihre gemeinsame Erfahrung als Komponist*innen und Improvisator*innen nicht nur im Jazz und in der improvisierten Musik, sondern auch in der zeitgenössischen und neuen Musik, erkunden sie die Ränder dessen, was derzeit im seit langem etablierten Rahmen des ,,chordless Trios’’ existiert.

jamesbanner.com/nebbiabannerandrzejewski

Foto © Camila Nebbia

Fotos © Robert Fischer

12.03.2024_Percussion

Felix Hauptmann (Klavier)
Roger Kintopf (Kontrabass)
Leif Berger (Schlagzeug)

Ein gemeinsames ästhetisches Fühlen innerhalb undurchsichtiger und fluider rhythmischer Strukturen ist der Kern von PERCUSSION. Die Band präsentiert ihr aktuelles Album “PERCUSSION II” (boomslang records, März 2023).

Felix Hauptmann (Piano, Komposition), Roger Kintopf (Bass) und Leif Berger (Drums) arbeiten seit mehreren Jahren zusammen in diesem Ensemble, geprägt durch intensive Probenarbeit und Arbeitsprozesse. Die Band arbeitet seit Beginn mit dem einzigartigen Label “Boomslang Records” von Alfred Vogel zusammen und ist unter anderem auch auf dem renommierten “Bezau Beatz” Festival zu hören gewesen.

Hier ein Zitat aus dem Booklet des aktuellen Albums PERCUSSION II:
„I started writing this music with the gentle urge to find a more honest way to express myself. That includes many layers of feelings and thoughts that I felt I couldn’t release until I would start to work constantly with a band that consists of the wonderful musicians and my longtime friends Roger and Leif. Both are insanely committed and willing to put a lot of time in rehearsing, talking and playing. After some months of intense work with the ensemble, a general trust began to grow between us – exactly what I was looking for the whole time. The compositions themselves are very complex, leaving a lot of questions unanswered for the three of us, which made us learn to be comfortable with being uncomfortable.
I want the music to be an invitation to try not to expect anything from anyone: for you, the listener as well as for us, the musicians. Through this absence of expectations I hope we can get closer together by accepting more diversity in art and human relationships.“
– Felix Hauptmann

„Hauptmann sowie dem Bassisten Roger Kintopf und dem Drummer Leif Berger gelingt es, ihre ausgeklügelte, harmonisch und metrisch ungebundene Musik wie frei improvisiert klingen zu lassen. Dieses hochkonzentrierte und organisch pulsierende kompositorische Destillat setzt ungeahnte Assoziationen frei und verblüfft ob seiner schieren Absichtslosigkeit: nichts muss, aber alles kann.“
Concerto Magazin

„…man höre sich einmal Track 6, Once, an, wie hier Tempo und Energie aufgebaut werden, um dann wieder zu entschleunigen und am Ende zu verschwinden. Das hat zweifellos Klasse.“
– freiStil Magazin

„…Die Königsdisziplin des Jazz wird durch dieses Piano-Trio um einen wichtigen, zeitgenössischen Beitrag bereichert.“
arttourist.com

Foto © Inês Pizarro Correia

felixhauptmann.wordpress.com

Fotos © Robert Fischer

06.02.2024_Immerweiter

Pascal Klewer (Trompete)
Julius Windisch (Klavier, Komposition)

Sofia Eftychidou (Kontrabass)
Marius Wankel (Schlagzeug)

„Diese Band verfolgt den Gedanken einer Utopie“ – Julius Windisch, Bandleader

Stillstand ist für den Berliner Bandleader, Komponisten und Jazz-Pianisten Julius Windisch noch nie eine Option gewesen: „Der Prozess des Musikmachens soll für mich immer weiter gehen und nie stillstehen.“ Nach Stationen in Bern, Amsterdam und Kopenhagen hat er mit Berlin einen Ort gefunden, an dem er sich künstlerisch am wohlsten fühlt. In its own pace ist der Output von seiner aktuellen Working Band, nachdem Windisch bereits drei Alben mit Trio- und Quartettformationen eingespielt hat.

Sowohl der Albumtitel, als auch der Name der Formation sind programmatisch zu verstehen: Getragen wird immerweiter von einem starken Gemeinschaftsethos, das auf der Einspielung und live durch Virtuosität, Intensität und Komplexität überzeugt. Alle Musiker*innnen des Ensembles verpflichten sich einem organischen Wachstumsprozess, fairen Feedbackregeln und einem konstruktiven Umgang mit den eigenen Stärken und Schwächen. Die Anstrengung, die Windischs vielseitiges und schwer zu spielendes Repertoire einfordert – und das gegenseitige unbedingte Vertrauen in einander – führen zu kreativen Höhenflügen, bei denen keine Einzelperson im Fokus steht, sondern der Gesamtklang:

„Wir sind als Band sehr stark zusammengewachsen und wir reflektieren immer wieder, was wir gut und nicht gut fanden. Genauso sind wir gezwungen, uns jedes Mal maximal anzustrengen und sehr aufmerksam auf einander zu hören. Das fühlt sich erfüllend und mutig an, das ist das, was ich an meiner Arbeit liebe.“ – Julius Windisch

Windischs Arbeit als Bandleader, Komponist und Pianist ist politisch: Themen wie Antidiskriminierung, Klimagerechtigkeit, der Abbau von Hierarchien treiben sein kreatives Schaffen an, was sich unmittelbar in der Haltung ausdrückt, mit der er seine Stücke komponiert.

Die fünf Kernstücke des Albums sind in Quartettformation aufgenommen, darunter das Stück Ode, das durch seine sehr sangliche Melodie eine melancholische Stimmung erzeugt. In diesem Stück reflektiert Windisch die Resignation und Fassungslosigkeit, die er dabei fühlt, wenn das notwendige Handeln zur Lösung unserer globalen Krisen ausbleibt. Gleichzeitig drückt er in Stücken wie Schweben sein Bestreben aus, für sich eine Sphäre zu schaffen, in der Ruhe und Besonnenheit trotz Panik und Ohnmacht möglich sind.

Bei vier Stücken wird die Band von der Geigerin Maria Reich verstärkt – zum Beispiel in Coming to a conclusion. In diesem Track wird ein Entscheidungsprozess mittels verschiedener Rhythmen musikalisch reflektiert, bis ein hörbares Fazit gezogen ist. Außerdem singt Windisch erstmals auf dem Album: I feel like I know you ist ein intimer Monolog, der dazu anhält, sich dem kritischen Prozess der Selbstreflexion „immer weiter“ zu stellen, damit Selbsterkenntnis und inneres Wachstum möglich werden. Damit hat der Track die Funktion einer kondensierten Gesamtaussage des Albums.

Foto © Nasia Papavasiliou

juliuswindisch.com

Fotos © Robert Fischer

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

09.01.2024_Olga Reznichenko Trio

Olga Reznichenko (Klavier)
Lorenz Heigenhuber (Kontrabass)
Maximilian Stadtfeld (Schlagzeug)

Die Pianistin und Komponistin Olga Reznichenko (*1989) gründete ihr aktuelles Trio 2018 für ihr Bachelor- Abschlusskonzert an der Leipziger Musik Hochschule. Seitdem
ist sie mit Maximilian Stadtfeld (Schlagzeug) und Lorenz Heigenhuber (Kontrabass) kontinuierlich auf und abseits der Bühne aktiv.

Das nach dem Abschlusskonzert entstandene Repertoire feierte bei einem Engagement im Hot Club in Lissabon öffentlich Premiere. Somnambule, das Debüt Album ist im Frühjahr 2022 bei Traumton Records erschienen.

Die Stücke der klassisch geschulten Pianistin zeigen starken Gestaltungswillen, spielen mit Einflüssen aus klassischer Moderne, Minimalismus und modernem Jazz. Sie verbinden intuitive Ansätze mit klaren Vorstellungen zu Stimmungen und Klangfarben. Komplexe harmonische und rhythmische Strukturen, subtile und kraftvolle Momente sowie melodische Anknüpfungspunkte ergeben eine persönliche Ästhetik.

Foto © Stefan Braunbarth

www.olgareznichenko.com

Fotos © Robert Fischer

12.12.2023_Obsany

Simon Jermyn (Gitarre)
Petter Eldh (Bass)
Otis Sandsjo (Tenorsaxophon)
Lukas Akintaya (Schlagzeug)

Obsany sind ein neues Quartett aus Berlin, das von Gitarrist Simon Jermyn geleitet wird; einem irischen Musiker, der nach 11 Jahren in New York vor kurzem nach Berlin gezogen ist. Die Band besteht aus den Schweden Petter Eldh am E-Bass und Otis Sandjo am Tenorsaxophon sowie dem deutschen Schlagzeuger Lukas Akintaya.

Obsany spielen Jermyns Kompositionen, eine aufregende und unterhaltsame Mischung aus Grooves, überraschenden Melodien, offenen Improvisationen und Klanglandschaften. Die Einflüsse dieser Band reichen von Jazz und improvisierter Musik über Electronica, Neue Musik, Afropop und Rock.

(Obsany ist ein Wort, an das sich Simon aus einem Traum erinnert, es scheint in keiner Form oder Sprache zu existieren, die das Internet finden kann).

Simon Jermyn hat mit vielen wichtigen Musikern zusammengearbeitet, darunter John Zorn, Jim Black, Gerald Cleaver, Tom Rainey, Chris Speed, Mat Maneri und Chris Lightcap. Er ist erst der zweite irische Musiker, der im Village Vanguard auftrat und hat an der Ulster University in Nordirland promoviert.

Der schwedische Bassist und Produzent Petter Eldh ist einer der angesehensten Musiker der europäischen Jazzszene, bekannt durch seine Arbeit mit seiner eigenen Gruppe Koma Saxo, Lucia Cadotchs Speak Low, Enemy mit Kit Downes und James Maddren und dem Trio von Django Bates.

Otis Sandjo spielt Tenorsaxophon und ist an einer Vielzahl innovativer Bands in der europäischen Szene beteiligt, darunter Speak Low, Koma Saxo und seine eigene genreübergreifende Gruppe Y-Otis.

Lukas stammt aus Deutschland und lebt in Berlin, wo er sein Quartett HUES leitet, dessen Debütalbum kürzlich bei Chris Speed’s Plattenlabel Skirl Records erschienen ist. Neben seiner eigenen Band ist er auch als Sideman und Kollaborateur aktiv. Er ist Mitglied des Holon Trios, mit dem er für Orchester komponiert hat.

Foto © Odelia Toder

www.simonjermynmusic.com
www.pettereldh.com
www.lukasakintaya.com

Fotos © Robert Fischer

14.11.2023_STRUCTUCTURE

Asger Nissen (Altsaxophon, Altklarinette)
Victor Fox (Tenorsaxophon, Bassklarinette)

Roger Kintopf (Kontrabass)
Felix Ambach (Schlagzeug)

CD Release Konzert

STRUCTUCTURE vereint vier Individuen, die ihre verschiedenen Stärken und Schwächen, ihre einzigartigen Stimmen und Persönlichkeiten in die Band einbringen. Gemeinsam finden sie einen Ausdruck ihrer eigenen Vorstellung von schöner und bedeutungsvoller Musik.

In ihrer Musik begibt sich STRUCTUCTURE auf eine Reise, die zwischen Momenten intensiver Energie und Perioden kontemplativer Stille hin und her schwingt. Es ist eine Reise, die durch das emphatische Zusammenspiel aller vier Musiker geleitet wird, die auf eine Weise miteinander interagieren, die von Vertrauen, Kontrolle und Impulsivität zugleich geprägt ist.

Um traditionelle Strukturen herauszufordern und die Grenzen von Rhythmus und Harmonie auszuloten, verändert die Band kontinuierlich die Rollen der einzelnen Instrumente, spielt mit verschiedenen koexistierenden Ebenen, doch gibt es keinen Vordergrund, keinen Hintergrund. Sie erschaffen eine ineinander greifende Einheit, die mit einer unbeugsamen Energie pulsiert, sanft und melodisch dahingleitet oder verfällt und ihre Zerbrechlichkeit zeigt.

Die Kompositionen von Roger Kintopf sind das Rückgrat des Bandsounds. Sie sind präzise, dennoch flexibel und bieten eine Grundlage, auf der die Band die Möglichkeiten erforschen kann, ihren Klang als eine sich ständig bewegende Einheit weiterzuentwickeln.

„Vom Ansatz her weckt der Sound, den Kintopf mit den beiden Saxophonisten Asger Nissen (Alt) und Victor Fox (Tenor), sowie dem Schlagzeuger Felix Ambach kreiert, Erinnerungen an das Gerry Milligan Quartett: Die Bläser führen die Melodie, spielen mit- oder gegeneinander und verzahnen sich zu einer Stimme. Dazu braucht es mit ebenso festen, wie offenen Strukturen, die das Beste aus jedem der vier hervorkitzeln. Die Krux des ständigen Wechsels zwischen schnellen Impulsen und Ruhephasen liegt darin, nicht allzu intellektuell, zu „kopfig“ zu klingen. Das gelingt Kintopf und Co. erstaunlich gut (…). “
Jazz Thing

„Ihr entwickeltes Spezifikum sind melodische Wucherungen und Gratwanderungen, Dabei pendelt das Quartett zwischen hitziger Gesprächigkeit und entschleunigter, teppichaper Ausbreitung. Bemerkenswertes Selbstverständnis kennzeichnet die Vernetzung von kompositorischem Kalkül und improvisatorischem Freilauf.“
Concerto Austria

„Verschachtelt wirken die Strukturen der einzelnen Songs, (..) hier bestimmen spontane Aktivitäten und emotionale Ausbrüche den Augenblick. Und so reihen sich viele kreative Augenblicke aneinander zu einem unterhaltenden Ganzen. (..) die Musik wirkt dann recht intellektuell, doch durchaus nicht kalt (..) – sehr modern, sehr niveauvoll, sehr fordernd, sehr kreativ.“
Musikansich

„The bass leader leads his crew into off kilter realms of left leaning dissonance that is reminiscent of classic civil rights jazz directly from the church basement—how timely. Not for the linear listener, this is one of those wild rides that careens with abandon and glee.“
Midwest Records

Auszeichnungen:
2015: Gewinner Bundesbegegnung Jugend Jazzt – Studiopreis des Deutschlandfunks
2015: Auszeichnung für besondere kompositorische Arbeit durch die Deutsche Jazzunion
2021: Internationaler Wettbewerb „Tremplin Jazz Avignon“ – „Grand prix de Jury“

Albumreleases:

gläüö (recorded at Deutschlandfunk Köln) – UNIT Records 2016
STRUCTUCTURE (recorded at Loft, Köln) – Doublemoon Records 2020
Good Vibes Bootleg #1 – bandcamp 2021
STRUCTUCTURE II – (recorded at Studios La Buissonne) – stssts records 2023

Foto © Niclas Weber

rogerkintopf.com/structucture

Fotos © Robert Fischer

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

10.10.2023_Johannes Bigge Trio

Johannes Bigge (Klavier, Komposition)
Robert Lucaciu (Kontrabass)
Moritz Baumgärtner (Schlagzeug)*

*Moritz Baumgärtner kann an diesem Abend leider nicht spielen. Für ihn wird der großartige Marius Wankel am Schlagzeug sitzen.

„Eigentümliche Harmonien, die den Beteiligten zufliegen und wegschmelzen, noch bevor sie zu changes werden können. Grooves und Texturen, die zuerst das Eine sind, und dann das Andere werden. Gleichzeitig komplex und schlicht, irritierend und hypnotisierend, eigenständig und noch lange nicht auserzählt.“
Michael Wollny

1989 in Berlin geboren, wuchs Bigge in einem musikalischen Elternhaus zunächst mit klassischer Musik auf, wurde aber gleichzeitig von der emotionalen Direktheit des Pop geprägt. Bereits mit 16 Jahren entdeckte er das Klavier-Trio als adäquate Ausdrucksform, der er bis heute treu geblieben ist. Im Lauf seiner bisherigen Karriere, auf der ihm unter anderem Richie Beirach und Michael Wollny zur Seite standen, öffnete er sich nach allen Seiten und warf gleichzeitig immer mehr Ballast ab, um sein eigenes Idiom voll zur Entfaltung zu bringen. 2010 gründete er sein aktuelles Trio.

„Imago“ ist nach „Pegasus“ das zweite Album in dieser Besetzung. Die Musik wirkt vom ersten Ton an wie ein kollektiver Befreiungsschlag. Bigge leugnet keines seiner Vorbilder, die gleichermaßen in Jazz, Klassik und Pop zu finden sind, und doch musizieren die drei Visionäre dermaßen intuitiv und musikantisch, als hätte es noch nie zuvor die Aufnahme eines anderen Piano-Trios gegeben. Es geht dabei weder um Erwartungshaltungen noch um die Ausfüllung vorgeprägter Formen. Im Gegenteil, jeder Song ist eine neue Entdeckungsreise. Die Kompositionen stammen zwar ausschließlich aus der Feder des Pianisten, aber in seiner Grundbeschaffenheit gleicht das Trio einem gleichseitigen Dreieck, bekanntlich eine der belastbarsten geometrischen Formen überhaupt. Die Länge der Seiten und der Schwerpunkt werden jedoch in jedem Song neu verhandelt.

Die Gleichseitigkeit dieses Dreiecks lässt sich auch mühelos auf die drei Komponenten Jazz, Pop und Klassik übertragen, die der Musik zu gleichen Teilen innewohnen. Wobei es hier nicht um Fusion oder oberflächliche Crossover-Konzepte geht, sondern um eine Art spiritueller Durchdringung der den besagten drei Basisgenres zugrunde liegenden Haltungen. „Ich versuche die Emotionen, die im Pop stecken, in den Jazz zu übertragen“, erläutert Bigge, „denn die fehlen mir im Jazz oft. Die Besetzung, die Improvisation und unser Umgang mit verschiedenen Parametern und Formen kommen natürlich vom Jazz. Allerdings ist es uns wichtig, dass die Improvisationen immer eine Funktion innerhalb des Stücks haben und so klingen, als wären sie Teil der Komposition. Als Komponist bin ich auch von der strukturellen Klarheit J.S. Bachs geprägt. Am Ende wollen wir Komplexität immer mit Zugänglichkeit zusammenbringen.“

Auffällig ist auf Anhieb die Kürze und Prägnanz der Stücke. Dem Geist der spontanen Improvisation verpflichtet, ist Bigge jedoch voll und ganz Komponist. Er wägt alle Aspekte eines Musikstückes ab und weiß genau, wie viel von was ein Stück braucht. Was gesagt werden soll, wird gesagt, und fertig. Zugleich stecken die Tracks voller Dynamik, Emotion teils gegenläufiger Bewegung sowie überraschenden Stimmungs- und Tempowechseln. Trotz provokanter Asymmetrie konzentriert sich Bigge immer aufs Wesentliche. Geschickt spielt er mit Widersprüchen. So sind seine Kompositionen gleichermaßen komplex und einfach, inbrünstig und sachlich, verstiegen und leicht zugänglich, klar strukturiert und doch voller verschlüsselter Bilder. Man muss dieses Album nur ein einziges Mal hören, und schon bleibt aus der Vielzahl der Motive jede Menge Abrufbares im inneren Player des Hörers hängen.

Der Begriff Imago suggeriert gleichermaßen Bild und Einheit. Das Johannes Bigge Trio ist immer und in jedem spielerischen Moment im Bilde. Da spielt es kaum eine Rolle, welche Parts improvisiert oder komponiert sind, denn die jeweiligen Bilder sind extrem flexibel. Für Bigge selbst hat Imago noch eine weitere Bedeutung. „Ich hatte über Insekten gelesen, das letzte Stadium ihrer Metamorphose nach Larve und Puppe wird Imago genannt, sozusagen das fertige ,Bild der Artʼ. Das Stück ,Imagoʼ mit seiner Idylle am Anfang, die mehrmals abrupt durchbrochen wird und sich dann zu etwas ganz anderem hin entwickelt, trägt diese Metamorphose, das Durchstoßen der Verpuppung und Erscheinen des Imago in sich.“

Auch diese Lesart macht Sinn, denn im Grunde geht es bei den Songs um verschiedene Zustände von Komposition, von denen das, was landläufig als Improvisation verstanden wird, lediglich der spontanste ist. Was zählt, ist das Ergebnis. Vollkommenheit als Ausdruck von Vergänglichkeit. „Auf das Album als Ganzes übertragen“, so Bigge, „ haben sowohl wir als Band als auch die Musik seit dem letzten Album eine Metamorphose erlebt.“

Verstricken wir uns hier jedoch nicht in herkömmlichen Begrifflichkeiten und Betrachtungsweisen, denn sie werden der Musik des Johannes Bigge Trios nicht gerecht. Auf „Imago“ manifestiert sich eine Sprache, für die es kein Wörterbuch gibt. Was hier entsteht, will nicht erklärt, sondern im unmittelbarsten Sinne des Albums imaginiert werden.

(Wolf Kampmann)

„Es ist eine musikalische Fahrt ins Gelände, dort wo nichts asphaltiert ist, wo es vieles zu erforschen gilt. Eine Entdeckung, dieses Album und dieser Pianist.“
Thorsten Hingst im Jazz Podium

„Wie diese acht Titel pulsieren, wie sie sich wenden und drehen, wie sie auf- und abebben, wie sich Akkorde ballen und in feine Melodien auflösen, fällt weit aus dem Rahmen dessen, was die meisten anderen Klaviertrios bieten.“
Werner Stiefele im Rondo-Magazin

„Seine Musik klingt tatsächlich unerhört frisch und anders. … Es ist nicht überraschend, dass ein solch mutiges Album auf dem Nischenlabel des Musikers Nls Wogram erscheint.“
Frank von Niederhäusern im Kulturtipp (CH)

Foto © Lukas Diller

johannesbiggetrio.com

12.09.2023_Karja/Renard/Wandinger

Kirke Karja (Klavier)
Etienne Renard (Kontrabass)
Ludwig Wandinger (Schlagzeug)

Karja/Renard/Wandinger sind ein internationales Ensemble für experimentelle improvisierte Musik. Sie spielen seit 2019 zusammen, im Sommer 2022 erschien ihr Debütalbum „The Wrong Needle“.

Das Trio wird von der preisgekrönten estnischen Pianistin Kirke Karja angeführt. Zusammen mit dem französischen Bassisten Etienne Renard und dem deutschen Schlagzeuger Ludwig Wandinger setzen sie auf erweiterte Spieltechniken, Elemente der freien Improvisation und zeitgenössischen Komposition. Dabei lassen sie sich auch von alten, gruseligen Stummfilmen und kaputten Maschinen inspirieren.

 

„Für mich war der Höhepunkt der Showcase-Sessions ein Set mit Kirke Karja am Piano, die ein Trio mit Etienne Renard am Bass und Ludwig Wandinger am Schlagzeug leitete. Ihre Musik war ein sehr gutes Beispiel für frei improvisierte Musik innerhalb bestimmter ausgearbeiteter Strukturen“.

– Tony Dudley-Evans, London Jazz News.

„Aber das überzeugendste Programm, das dieser Autor gesehen hat, war der zweite Auftritt eines jungen Trios mit der estnischen Pianistin Kirke Karja, dem französischen Bassisten Etienne Renard und dem deutschen Schlagzeuger Ludwig Wandinger, das Swingimpulse durch zackige Stop-Start-Rhythmen brach, die an eine Mischung aus Bad Plus und Punkt.Vrt.Plastik erinnerten, während es gleichzeitig einige moderne klassische Einflüsse des 20. Jahrhunderts einfließen ließ.“

– Peter Margasak, Downbeat

Foto © Kaupo Kikkas

Fotos © Robert Fischer

Fotos © Guillermo Luz Y Graf

11.07.2023_Bright Dark

ACHTUNG: Das Konzert am 11.07.2023 mit „Bright Dark“ fällt wegen Krankheit leider aus!

Mark Pringle (Klavier/Synthesizer)
Felix Henkelhausen (Kontrabass)
Philip Dornbusch (Schlagzeug)

„Bright Dark“ heißt ein Projekt und Album des Berliner Pianisten Mark Pringle mit Felix Henkelhausen am Kontrabass und Philip Dornbusch am Schlagzeug. Das Trio taucht mit offenen Ohren unerschrocken in Pringles Kompositionen ein, in denen es spielerisch rhythmische Vamps navigiert, zarte Klangteppiche webt und über lyrische Melodien meditiert. Dabei werden vereinzelte elektronische Elemente in einen ansonsten lebendigen akustischen Raum integriert. Mit ganz verschiedenartigen Einflüssen wie Karlheinz Stockhausen, der Berliner elektronischen und improvisierten Musikszene, Waschsalons und lila Obst, zeichnet sich der Sound der Formation durch ein dynamisches Zusammenspiel aus – emotional, eindringlich und reflektierend.

„Bright Dark“ kann sowohl als Gegensatz, als auch deskriptiv interpretiert werden (kann etwas Dunkles eine Eigenschaft von Helligkeit besitzen?), ein Rätsel, das sich in der Musik abspielt, wo Funken vor schattenübersäten Kulissen fliegen. Das gleichnamige Album wurde 2022 von Unit Records veröffentlicht und markiert Pringles erstes aufgenommenes Statement als Bandleader eines Trios.

„Seine Motive wirken hingetupft, in den Klangraum geworfen und selbst in Momenten der Vehemenz oder der vorsichtigen elektronischen Verfremdung klar und perlend deutlich … ein Experiment mit Kontrasten aus der Tradition der offen fließenden Jazzmoderne … Pringles Klarheit der Dunkelheit.“

– Ralf Dombrowski, Jazz thing

„Mark Pringle ist ein außergewöhnlich begabter Pianist und Komponist sowie ein bemerkenswerter Improvisator“

– John Taylor

Foto © Martina Pozzan

www.markpringlemusic.com

13.06.2023_Heidi Bayer KORSH

Heidi Bayer (Trompete, Flügelhorn)
Sven Decker (Bassklarinette, Tenorsaxophon)
Kalle Moberg (Akkordeon)
Robert Landfermann (Kontrabass)
Oli Steidle (Schlagzeug)

Das Leben steckt voller Kontraste. Sie zu akzeptieren, erfordert Mut. Unser angeborenes Harmoniebedürfnis aber durch den Filter dieser Kontraste zu schicken und dann aus Gegensätzlichem und auf den ersten Blick Widersprüchlichem etwas in sich Geschlossenes, Stringentes und Ganzheitliches abzuleiten, erfordert eine Meisterhand. Die in Köln lebende Trompeterin Heidi Bayer hat all das … den Mut, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, statt wie sie sein sollte, und die Gabe, der Logik des scheinbar Unvereinbaren zu folgen, um daraus die Poesie des Kontrasts abzuleiten. Und trotzdem oder gerade deshalb ist sie eine Utopistin, die Dinge zu Gehör bringt, die so noch kein Ohr vernommen hat.

Zunächst einmal fällt die Besetzung mit Heidi Bayer an Trompete und Flügelhorn, Sven Decker an Tenorsaxofon und Bassklarinette, dem Norweger Kalle Moberg am Akkordeon, Bassist Robert Landfermann und Drummer Oli Steidle auf. Aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen ergeben sich übrigens Bandname und Albumtitel. Unabhängig von der Tatsache, dass alle fünf Beteiligten auch selbst als Bandleader und Solisten Akzente setzen, stehen doch auch alle für eine ganz eigene Ästhetik, die sich sofort auch auf „KORSH“ offenbart. Gleich der erste Track „Once In A While“ klingt wie ein Schneesturm im Hochsommer. Verschiedene Kräfte wirken zusammen, die man so kaum auf einmal erwarten würde. Das Akkordeon drängt sich mit einer solchen Vehemenz in den Jazz-Kontext aus Trompete, Saxofon, Bass und Schlagzeug, als wollte es allein die Richtung vorgeben. Die Stimmen verhandeln miteinander und finden am Ende eine gemeinsame Richtung. All das ist genau so gewollt. Dieser Track deutet bereits an, was im weiteren Verlauf des Albums passiert, nimmt aber noch nicht alles vorweg. Denn „KORSH“ ist eine Reise, durch Höhen und Niederungen, durch Vertrautes und gänzlich Unbekanntes, durch Klarheit und Mystik, durch Persönliches und Abstraktes, und nicht selten alles zugleich.

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Die Kontraste sind in den Stimmen und Idiomen der an „KORSH“ Beteiligten bereits angelegt. Heidi Bayer schreibt Musik für Personen, nicht per se für Instrumente. Das Akkordeon lag ihr schon lange am Herzen, aber ebenso lange war sie auf der Suche nach einem Akkordeonisten, der diesen Spielraum zwischen Anmut und Experimentierfreude bereits in seiner Person vereint. Nach umfangreichen Recherchen wurde sie in Norwegen bei Kalle Moberg fündig. Das Füllhorn seiner Klangmöglichkeiten versetzte sie ebenso in Begeisterung wie sein stilistisches Spektrum von Klassik über Jazz bis zu Drones. Sein Akkordeon kann hier wie eine Orgel klingen, da wie eine Bassklarinette und manchmal einfach wie die Urgewalt der Erde selbst. Mit Moberg fuhr sie volles Risiko. „Erst beim Durchhören der Aufnahmen wurde mir klar, dass dies auch voll nach hinten hätte losgehen können“, resümiert die Trompeterin, um sogleich tief zu stapeln. „Es war einfach wahnsinniges Glück, dass das alles so geklappt hat.“

Dass es eben nicht nur Glück ist, sondern eben Heidi Bayers gutes Händchen für Klänge und Stimmen, wie auch ihr Feingefühl für die Klaviatur von individuellen Charakteren, zeigt die Auswahl der übrigen Musiker. Mit Sven Decker verbindet sie eine lange Freundschaft, die schon in unterschiedlichen Projekten und Bands zum Tragen kam. Besonders schätzt sie an dem Ausnahmesaxofonisten dessen Fähigkeit, bedingungslos loszulassen. Mit Decker gemeinsam dachte sie über eine passende Rhythmusgruppe nach. Der Berliner Drummer Oliver Steidle bringt eine Paarung von Ausdruckskraft und Verspieltheit mit, die präzise in Heidi Bayers Konzept passte. Vor allem bringt auch er die erforderliche Risikobereitschaft mit. Steidle wiederum schlug Robert Landfermann als Bassisten vor, den die Bandleaderin ohnehin schon im Fokus hatte. Landfermann ist ein extrem empathischer Individualist, der das nun komplette Quintett ausbalancierte.

Und natürlich ist da auch noch Heidi Bayers eigene Stimme. Die Vielfalt ihrer spielerischen Facetten und Verkleidungen ist beeindruckend. In jedem Song nimmt sie eine andere Rolle ein. Mal tritt sie uns sehr warm und verbindlich gegenüber, mal sehr unterkühlt und spitz, und mit Brillanz und Sujetsicherheit beherrscht sie das ganze Repertoire dazwischen. „Das passiert gar nicht bewusst, aber ich wollte eine Situation schaffen, in der ich mich selbst aus meiner Komfortzone entfernen muss. Ich wollte mir einfach mal erlauben, auch all die Seiten in mir hörbar zu machen, die sonst nicht so typisch für mich sind, aber trotzdem einen Teil von mir ausmachen.“

Heidi Bayer sucht nicht nach der größtmöglichen Schnittmenge zwischen den Mitgliedern ihrer Crew, sondern arbeitet Gegensätze heraus und macht Überlappungen hörbar. Ein Widerspruch ist nur dann ein Widerspruch, wenn er als Abweichung vom Einklang der Gegebenheiten wahrgenommen wird. Heidi Bayer geht von ihren eigenen Voraussetzungen aus und schafft auf deren Grundlage ein lebensnahes Ausnahmealbum. „KORSH“ beschreibt einen asynchronen Prozess individuellen und kollektiven Zusammenrückens und Auseinanderdriftens, bei dem neben spielerischen Freiräumen vor allem die multiplen Charaktere der fünf Musikerpersönlichkeiten zur Geltung kommen. Das ausgefeilte Changieren von Persönlichkeiten in einem klar vorgegebenen Rahmen hat man so noch nicht gehört.

“Eine Reise, durch Höhen und Niederungen, durch Vertrautes und gänzlich Unbekanntes, durch Klarheit und Mystik, und nicht selten alles zugleich. Heidi Bayers Vielfalt ihrer spielerischen Facetten und Verkleidungen ist beeindruckend.”

— Wolf Kampmann

Foto © Stefan Braunbarth

www.heidi-bayer.de

Fotos © Robert Fischer