Alle Artikel in der Kategorie “Vorschau

10.01.2023_Nissen Mosh

Asger Nissen (Saxophon)
Valentin Gerhardus (Klavier)
Thorbjørn TB Stefansson (Kontrabass)
Marius Wankel (Schlagzeug)

Nissen Mosh spielt erfrischend neue Eigenkompositionen des dänischen Saxophonisten Asger Nissen. Nachdem er sich in den letzten Jahren in der deutschen Jazzszene etabliert hat ist Asger Nissen nun bereit seine brandneue Band zu präsentieren. Mit dabei sind einige seiner engsten und beliebtesten Musiker der Berliner Szene: Valentin Gerhardus, Thorbjørn „TB“ Stefansson und Marius Wankel.

Die Musik von Nissen Mosh reflektiert einige von Asger’s Lieblingsimpulsen aus alter, moderner und zeitgenössischer Musik in einem frischen, kuriosen und lebendigen Ausdruck. Das manchmal fast symbiotische Zusammenspiel zwischen Valentin Gerhardus und Asger Nissen erzeugt eine besondere Atmosphäre von harmonischer Spontanität sowie melodischer Ausgelassenheit, begleitet von der Rhythmusgruppe bestehend aus TB und Marius Wankel, die nicht nur ein solides Fundament legen, sondern auch die Führung übernehmen können und dadurch einen starken, gewagten und einheitlichen Bandsound etablieren.

Zusammen machen Nissen Mosh energiegeladene Musik mit harmonischen und melodischen Explorationen, unterstützt von einem starken rhythmischen Fundament aus tighten Grids, vibrierenden Grooves, fließenden Beats und pure Power. All dies mit einer wiederkehrenden Inspiration aus Songwriting-Genres.

„Nissen ist ein ausgezeichneter Improvisator, der das Abstrakte stimmig mit dem sanglich Emotionalen zu verbinden weiß, aber sein Hauptaugenmerk liegt auf Kompositionen, deren lange dramaturgische Bögen eine gewisse spirituelle Nähe zu Tim Berne verraten.”

Wolf Kampmann, Jazzthing, Feb/March 2020

www.asgernissen.com

ASGER NISSEN (*17.11.1996)
Seit seiner Ankunft in Berlin Ende 2017, hat sich der dänische Altsaxophonist Asger Nissen, mit seinem unverwechselbaren emotionalen Sound sowie seinem energiedurchzogenem und neugierigem Spielansatz einen Namen als gefragter Saxophonist in der deutschen Jazzszene gemacht. Er arbeitet mit den unterschiedlichsten Jazzmusiker*innen (zB. Jim Black, Jeff Ballard, Wanja Slavin, Jonas Westergaard, Mirna Bogdanovic, Chris Dell, Otis Sandsjö, Philipp Gropper, Olive Steidle, Uli Kempendorff, Pablo Held, Bernhard Meyer, Phil Donkin usw.) zusammen und tourte durch ganz Europa — mit Konzerten in zahlreichen Clubs und auf Festivals (u.a. A-Trane, Montmartre Kopenhagen, Loft Köln, Jazz Baltica, North Sea Jazz, Copenhagen Jay Festival, … ).
Vor seiner Zeit in Berlin war Asger Nissen ein aktiver Teil der Kopenhagener Jazzszene und war Mitglied der preisgekrönten Band ALAWARI!.
Asger Nissen wurde 2021 mit dem JIB Jazz Preis der Karl Hofer Gesellschaft 2021 ausgezeichnet als herausragender Solist. Im August 2021 hat er mit dem Kölnerformation, STRUCTUCTURE, den Avignon Jazz Preis gewonnen.

VALENTIN GERHARDUS (*16.07.1997)
Valentin Gerhardus ist Pianist und lebt in Berlin. Bereits als Schüler stand er bei einem Austauschprojekt mit dem New Yorker Musiker Roy Nathanson (Jazz Passengers, Lounge Lizards) auf der Bühne und war Preisträger bei Wettbewerben wie der Bundesbegegnung Jugend Jazzt in Stuttgart 2014. Von 2015 bis 2020 studierte er Jazz Klavier bei Prof. Michael Wollny an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Als Teil der Leipziger, Berliner und Münchner Musikszene tritt er regelmäßig deutschlandweit auf, spielte zudem Konzerte in Rumänien, England und Wales. Hierbei spielte er mit Musikern wie Tony Lakatos, Phil Donkin, Johannes Enders, Onyx Collective, Johannes Lauer, Philipp Gropper, Moritz Baumgärtner, Uli Kempendorff, Wanja Slavin, Leif Berger.
Anfang 2020 startete er gemeinsam mit Uli Huebner die Konzertreihe „Glitch“ in Leipzig mit geplanten Gästen wie Kalle Kalima, Otis Sandsjö, Leif Berger etc.

THORBJØRN TB STEFANSSON (*13.11.1997)
Thorbjørn Stefansson (alias TB), ist ein Dänischer Bassist aus Aarhus. Schon während seiner Abschlussjahre am Gymnasium war er ein wichtiger Teil der aufstrebenden Jazzszene von Aarhus. Dort spielte er mit prominenten Vertretern der dänischen Jazzszene, wie Claus Waidtløw oder Artur Tuznik.
Nach dem Abschluss seines Abitur verbrachte TB zwei Jahre in Schweden an der renommierten Internatsschule Skurup Folkshögskola, wo er Unterricht von u.a. Johnny Åman, Fredrik Kronkvist und Kathrine Windfeld erhielt.
TB lebt jetzt seit 2019 in Berlin, wo er seinen Bachelor am Jazz Institut Berlin der Universität der Künste absolviert. Er ist ein wichtiger Bestandteil der jungen Berliner Jazzszene und spielt mit unter anderem Moritz Baumgärtner, Uli Kempendorff und Uri Gincel.

MARIUS WANKEL (*11.07.1996)
Marius Wankel ist Schlagzeuger und lebt in Berlin. Nachdem er in einer musikalischen Familie früh zum Klavier und Schlagzeug gefunden hatte, begann er nach dem Musikgymnasium den Bachelor im Hauptfach Jazzschlagzeug an der Hochschule für Musik Würzburg und bekam Unterricht bei Bill Elgart und Bastian Jütte. Zwischen 2013 und 2015 war er bei „Jugend Jazzt“ Preisträger mit verschiedenen Besetzungen. 2018 wechselte er an das Jazz Institut Berlin, um dort sein Studium bei u.a. Heinrich Köbberling und Greg Cohen fortzuführen. Neben zahlreichen Projekten in Berlin ist er auch ein aktives Mitglied der Jazz Szenen in München und Leipzig.

14.02.2023_TAU 5

Felix Henkelhausen (Elekctronics, Bass)
Ludwig Wandinger (Electronics)
Moritz Baumgärtner (Schlagzeug)
Philip Zoubek (Synthesizer)
Philipp Gropper (Tenor und Sopransaxophon)

Seit ihrer Gründung arbeiten TAU 5 auf Basis neuer Kompositionsformen und Improvisationskonzepte an dem Vokabular einer eigenen, kollektiven Klangsprache und entwickeln ausgehend von Jazz, Electronic, HipHop, Improv und Neuer Musik ihren Sound mutig weiter.

Supergroup ist – zugegeben – ein etwas abgeschmackter Begriff. Aber im Herbst 2020, in einer Zeit, in der jede mögliche Gruppenbildung mit tollen Individuen nicht nur in der Kunst ein Grund zur Freude ist, möchten wir ihn gerne wieder zurück auf den Plan rufen. TAU 5 ist ein solches Supergruppen-Quintett mit Basis in Berlin, das aus fünf schillernden Persönlichkeiten der jungen europäischen Jazzszene besteht. Moritz Baumgärtner an Schlagzeug und Percussion, Philipp Gropper am Saxophon, Philip Zoubek an der Electronic, Felix Henkelhausen am Bass – und nicht zuletzt Ludwig Wandinger als Produzent und Editor. Denn die Editierarbeit ist tatsächlich ein wichtiger, beinahe kompositorischer Teil ihres Debüt-Albums mit dem allumspannenden Titel „Kreise“. Über drei Jahre hinweg hat das Material große Kreise an den unterschiedlichen Schnittstellen der Produktion gezogen. Von den Kompositionen und Konzeptionen bis zum finalen Mixdown. Wir hören gespielte Notationen, freie Jams und erneute Improvisationen zu bereits editierten Sessions auf dieser kreisförmigen Doppel-Langspielplatte. Das Ende eines Prozesses wird bei TAU5 stets als Anfang eines neuen Prozesses begriffen.

Hier trifft „Bitches Brew“ auf den Geist von Eric Dolphy oder Cecil Taylor unter den Produktionsbedingungen von Ableton-Live. So erinnert „Kreise“ in vielen Momenten eher an Flying Lotus, als an ein klassisches Live- Quintett des Free-, Modern- oder Fusion-Jazz- Betriebs. Doch selbstverständlich besitzen TAU 5 die Fähigkeiten, diese unfassbare Musik 1 zu 1 auf die Bühne zu bringen. Schließlich sind sie weder ein Kurator*innen- noch Produzentent*innen-Traum. Wir sprechen über eine Band: „Next level shit“, würden da wohl die Nachbar*innen aus der HipHop-Abteilung sagen. Dabei sind die Musiker von TAU 5 genauso vom HipHop wie von elektronischer Musik beeinflusst, so wie der Jazz längst wieder mit einer großen Selbstverständlichkeit junge Leute vom Pop bis in die Elektronik hinein beeinflusst. Der Erdkundelehrer-Muff von einst ist lange verflogen. Dem Internet sei gedankt. Nicht nur ihm, aber sicherlich auch.

Die Musik zieht sowieso munter weiter ihre Kreise. Saxophone mit soundverfremdenden Plug-Ins, komplexen, handgespielten Drum- Patterns und den darauf fußenden Loops. „Natürliche“ Sounds und Synthesen. Alles morpht hier ineinander, so wie das Artwork des Berliner Künstlers Markus S. Fiedler, von dessen Arbeit auch niemand mehr mit Gewissheit sagen kann, ob seine Bilderwelten in all ihrer farbigen Pracht vollständig am Computer generiert sind, oder ob es doch nur ein Tableau ist, auf dem fotografische Elemente am Rechner weiterbehandelt wurden.
Was all diese Fragen über die mediale Wahrnehmung unserer Gegenwart aussagen, mag jede(r) für sich entscheiden. Die Gruppe TAU 5 sieht dieses Album ohnehin nicht als ein Manifest, sondern als eine Beschreibung von Zuständen. Als könne man für ausgewählte Momente der Erschaffung oder Erhaltung von Systemen zuhören. Ja, als hörten wir beim Bestäuben einer Pflanze für wenige Minuten nicht nur der Biene, sondern auch der Pflanze zu. Oder den Wolken da oben auf ihrer Reise vom Meer in die nächste Bauernschaft oder Metropole. Die vorbeifahrenden Autos nicht zu vergessen. Und die Prozessoren in unseren Rechnern und Smartphones…

Es ist ihre große Offenheit, Neugierde und natürlich sind es ihre immensen Fähigkeiten, die TAU 5 im Kollektiv zur eingangs beschriebenen Supergroup mit einem echten Superalbum machen. Fantastisch!

Foto @ Andre Symann

http://moritzbaumgaertner.de
http://philippgropper.com
https://www.felix.henkelhausen.net
https://www.ludwigwandinger.com
https://www.philipzoubek.com

14.03.2023_The Consistency of Destruction

Pascal Klewer (Trompete)
Leif Berger (Schlagzeug)
Felix Hauptmann (Klavier/Synthesizer)
Roger Kintopf (Kontrabass)
Florian Herzog (Kontrabass)

“The Consistency of Destruction” arbeitet und forscht an Strukturen, Polyrhythmik, Dichte und Klang. Die Musik des Kölner Ensembles, bestehend aus den beiden Bassisten Roger Kintopf und Florian Herzog, dem Schlagzeuger Leif Berger, dem Pianisten Felix Hauptmann und dem Trompeter Pascal Klewer, befindet sich an den Grenzen der Avantgarde, Improvisierten Musik und der Neuen Musik. Die intensiv erarbeiteten Stücke, Vorlagen, Vorgaben und Konzepte werden stets weiter erforscht und schließlich zerstört, hinterfragt und neu verkoppelt.

Die Band veröffentlicht im Laufe 2021/2022 insgesamt 5 Alben auf dem Label sts|sts records.

Presse:

https://www.spiegel.de/start/jazz-musiker-werden-pascal-klewer-ueber-sein-studium-sein-gehalt-und-die-corona-krise-a-6a2e151c-df8f-4bd7-a28e-748c740cd622

https://www.ksta.de/kultur/aufregend-unberechenbar-36385072?cb=1619082665608

https://www.deutschlandfunk.de/aktuelle-big-bands-frischluft.2886.de.html?dram:article_id=475019

https://www.jazzthing.de/news/2020-2-27-koeln-222-festival-im-loft

pascalklewer.com

11.04.2023_inEvitable

Evi Filippou (Vibraphon, Perkussion, Gesang)
Arne Braun (Gitarre)
Eldar Tsalikov (Altsaxophon, Klarinette)
Felix Henkelhausen (Kontrabass)
Moritz Baumgärtner (Schlagzeug)

inEvitable ist das neueste musikalische Projekt der Vibraphonisten Evi Filippou. Im Mittelpunkt steht das Experimentieren mit den Formen der griechischen Folklore, des Jazz und der improvisierten Musik.

Die Perkussionistin und Songwriterin folgt dabei ihrem Bedürfnis nach Selbstausdruck und erforscht ihre musikalischen Wurzeln zurück zum folkloristischen Erbe ihres Heimatlandes – mit Melodien, die zwischen zeitlosen, traditionellen Motiven, den Volksliedern der 60er und 70er-Jahren sowie der modernen Singer-Songwriter-Tradition liegen. Gleichzeitig hat sich diese zutiefst endemische Auseinandersetzung mit ihrem Weg durch die zeitgenössische Szene Berlins vermischt. Eine besondere Verschmelzung von Genres und persönlichen Erfahrungen, die zur Entstehung von inEvitable führte, einer Band, in der herausragende Improvisatoren mit Filippous Arrangements interagieren.

Zusammen spielen sie eine Sammlung von Arrangements und Kompositionen, die von Folk und traditionellen Genres inspiriert sind: Tanzmelodie der Insel Korfu, ein serbischer Klassiker, ein spirituelles Lied der afroamerikanischen Tradition oder eine Instrumentalversion von Angelique Ionnatos Musik. Das Ergebnis ist ein ökumenisch musikalischer Kosmos, gefüllt mit Postkarten aus aller Welt

Evi Filippou (1993), hat mit 7 Jahren angefangen Schlagzeug zu spielen. Mit einem Stipendium des Athener Konzerthauses schloß sie das Volos Konservatorium ab und zog 2011 nach Berlin, wo sie an der Hochschule für Musik „Ηanns Eisler” ihren Bachelor und MA Abschluss mit Auszeichnung machte.

An Berufserfahrung stehen die Mitwirkung bei Orchestern und Kammermusik Ensembles (u.a.Bolshoi Ballet Orchestra, Ensemble United Berlin) als auch solo Auftritte klassischer und improvisierter Musik und Duo Kooperationen (“ff duet” mit Katerina Fotinaki, “blowslap” Duo mit saxophonist Hayden Chisholm). Auch in der Jazz Szene aktiv spielt Filippou unter anderem bei Stefan Schultzes’ Large Ensemble und Chris Dahlgrens’ DHALGREN. Zusammen mit Harfenistin Andrea Voets arbeitet sie an Live Film Musik Projekte (musical journalism, u.a. “Xenitia – a documentary concert about migration”). Ihre eigene Musik und Arrangements spielt Evi mit ihrem Quintett inEvitable.

Ein grosser Teil ihres künstlerisches Lebens gilt dem Musiktheater (Gründungsmitglied des „Opera Lab Berlin” Ensembles). Sie wirkt bei zahlreichen Produktionen mit (u.a. in der Neuen Werkstatt der Staatsoper Berlin, Hauen und Stechen Musiktheater Kollektiv). Seit 2016 ist Evi auch Dozentin in berliner Grundschulen gefördet von “Vincentino e.V. – Kultur stärkt Kinder in Berlin”. Ständig beschäftigt mit der Koexistenz von Komposition und Improvisation, Präzision und authentischer persönlicher Ausdruck wohnt und übt Evi in Berlin.

Foto © Fabio Dondero

evifilippou.com

13.06.2023_Heidi Bayer KORSH

Heidi Bayer (Trompete, Flügelhorn)
Sven Decker (Bassklarinette, Tenorsaxophon)
Kalle Moberg (Akkordeon)
Robert Landfermann (Kontrabass)
Oli Steidle (Schlagzeug)

Das Leben steckt voller Kontraste. Sie zu akzeptieren, erfordert Mut. Unser angeborenes Harmoniebedürfnis aber durch den Filter dieser Kontraste zu schicken und dann aus Gegensätzlichem und auf den ersten Blick Widersprüchlichem etwas in sich Geschlossenes, Stringentes und Ganzheitliches abzuleiten, erfordert eine Meisterhand. Die in Köln lebende Trompeterin Heidi Bayer hat all das … den Mut, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, statt wie sie sein sollte, und die Gabe, der Logik des scheinbar Unvereinbaren zu folgen, um daraus die Poesie des Kontrasts abzuleiten. Und trotzdem oder gerade deshalb ist sie eine Utopistin, die Dinge zu Gehör bringt, die so noch kein Ohr vernommen hat.

Zunächst einmal fällt die Besetzung mit Heidi Bayer an Trompete und Flügelhorn, Sven Decker an Tenorsaxofon und Bassklarinette, dem Norweger Kalle Moberg am Akkordeon, Bassist Robert Landfermann und Drummer Oli Steidle auf. Aus den Anfangsbuchstaben der Vornamen ergeben sich übrigens Bandname und Albumtitel. Unabhängig von der Tatsache, dass alle fünf Beteiligten auch selbst als Bandleader und Solisten Akzente setzen, stehen doch auch alle für eine ganz eigene Ästhetik, die sich sofort auch auf „KORSH“ offenbart. Gleich der erste Track „Once In A While“ klingt wie ein Schneesturm im Hochsommer. Verschiedene Kräfte wirken zusammen, die man so kaum auf einmal erwarten würde. Das Akkordeon drängt sich mit einer solchen Vehemenz in den Jazz-Kontext aus Trompete, Saxofon, Bass und Schlagzeug, als wollte es allein die Richtung vorgeben. Die Stimmen verhandeln miteinander und finden am Ende eine gemeinsame Richtung. All das ist genau so gewollt. Dieser Track deutet bereits an, was im weiteren Verlauf des Albums passiert, nimmt aber noch nicht alles vorweg. Denn „KORSH“ ist eine Reise, durch Höhen und Niederungen, durch Vertrautes und gänzlich Unbekanntes, durch Klarheit und Mystik, durch Persönliches und Abstraktes, und nicht selten alles zugleich.

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an. Die Kontraste sind in den Stimmen und Idiomen der an „KORSH“ Beteiligten bereits angelegt. Heidi Bayer schreibt Musik für Personen, nicht per se für Instrumente. Das Akkordeon lag ihr schon lange am Herzen, aber ebenso lange war sie auf der Suche nach einem Akkordeonisten, der diesen Spielraum zwischen Anmut und Experimentierfreude bereits in seiner Person vereint. Nach umfangreichen Recherchen wurde sie in Norwegen bei Kalle Moberg fündig. Das Füllhorn seiner Klangmöglichkeiten versetzte sie ebenso in Begeisterung wie sein stilistisches Spektrum von Klassik über Jazz bis zu Drones. Sein Akkordeon kann hier wie eine Orgel klingen, da wie eine Bassklarinette und manchmal einfach wie die Urgewalt der Erde selbst. Mit Moberg fuhr sie volles Risiko. „Erst beim Durchhören der Aufnahmen wurde mir klar, dass dies auch voll nach hinten hätte losgehen können“, resümiert die Trompeterin, um sogleich tief zu stapeln. „Es war einfach wahnsinniges Glück, dass das alles so geklappt hat.“

Dass es eben nicht nur Glück ist, sondern eben Heidi Bayers gutes Händchen für Klänge und Stimmen, wie auch ihr Feingefühl für die Klaviatur von individuellen Charakteren, zeigt die Auswahl der übrigen Musiker. Mit Sven Decker verbindet sie eine lange Freundschaft, die schon in unterschiedlichen Projekten und Bands zum Tragen kam. Besonders schätzt sie an dem Ausnahmesaxofonisten dessen Fähigkeit, bedingungslos loszulassen. Mit Decker gemeinsam dachte sie über eine passende Rhythmusgruppe nach. Der Berliner Drummer Oliver Steidle bringt eine Paarung von Ausdruckskraft und Verspieltheit mit, die präzise in Heidi Bayers Konzept passte. Vor allem bringt auch er die erforderliche Risikobereitschaft mit. Steidle wiederum schlug Robert Landfermann als Bassisten vor, den die Bandleaderin ohnehin schon im Fokus hatte. Landfermann ist ein extrem empathischer Individualist, der das nun komplette Quintett ausbalancierte.

Und natürlich ist da auch noch Heidi Bayers eigene Stimme. Die Vielfalt ihrer spielerischen Facetten und Verkleidungen ist beeindruckend. In jedem Song nimmt sie eine andere Rolle ein. Mal tritt sie uns sehr warm und verbindlich gegenüber, mal sehr unterkühlt und spitz, und mit Brillanz und Sujetsicherheit beherrscht sie das ganze Repertoire dazwischen. „Das passiert gar nicht bewusst, aber ich wollte eine Situation schaffen, in der ich mich selbst aus meiner Komfortzone entfernen muss. Ich wollte mir einfach mal erlauben, auch all die Seiten in mir hörbar zu machen, die sonst nicht so typisch für mich sind, aber trotzdem einen Teil von mir ausmachen.“

Heidi Bayer sucht nicht nach der größtmöglichen Schnittmenge zwischen den Mitgliedern ihrer Crew, sondern arbeitet Gegensätze heraus und macht Überlappungen hörbar. Ein Widerspruch ist nur dann ein Widerspruch, wenn er als Abweichung vom Einklang der Gegebenheiten wahrgenommen wird. Heidi Bayer geht von ihren eigenen Voraussetzungen aus und schafft auf deren Grundlage ein lebensnahes Ausnahmealbum. „KORSH“ beschreibt einen asynchronen Prozess individuellen und kollektiven Zusammenrückens und Auseinanderdriftens, bei dem neben spielerischen Freiräumen vor allem die multiplen Charaktere der fünf Musikerpersönlichkeiten zur Geltung kommen. Das ausgefeilte Changieren von Persönlichkeiten in einem klar vorgegebenen Rahmen hat man so noch nicht gehört.

“Eine Reise, durch Höhen und Niederungen, durch Vertrautes und gänzlich Unbekanntes, durch Klarheit und Mystik, und nicht selten alles zugleich. Heidi Bayers Vielfalt ihrer spielerischen Facetten und Verkleidungen ist beeindruckend.”

— Wolf Kampmann

Foto © Patrick Essex

www.heidi-bayer.de

11.07.2023_Bright Dark

Mark Pringle (Klavier/Synthesizer)
Felix Henkelhausen (Kontrabass)
Philip Dornbusch (Schlagzeug)

„Bright Dark“ heißt ein Projekt und Album des Berliner Pianisten Mark Pringle mit Felix Henkelhausen am Kontrabass und Philip Dornbusch am Schlagzeug. Das Trio taucht mit offenen Ohren unerschrocken in Pringles Kompositionen ein, in denen es spielerisch rhythmische Vamps navigiert, zarte Klangteppiche webt und über lyrische Melodien meditiert. Dabei werden vereinzelte elektronische Elemente in einen ansonsten lebendigen akustischen Raum integriert. Mit ganz verschiedenartigen Einflüssen wie Karlheinz Stockhausen, der Berliner elektronischen und improvisierten Musikszene, Waschsalons und lila Obst, zeichnet sich der Sound der Formation durch ein dynamisches Zusammenspiel aus – emotional, eindringlich und reflektierend.

„Bright Dark“ kann sowohl als Gegensatz, als auch deskriptiv interpretiert werden (kann etwas Dunkles eine Eigenschaft von Helligkeit besitzen?), ein Rätsel, das sich in der Musik abspielt, wo Funken vor schattenübersäten Kulissen fliegen. Das gleichnamige Album wurde 2022 von Unit Records veröffentlicht und markiert Pringles erstes aufgenommenes Statement als Bandleader eines Trios.

„Seine Motive wirken hingetupft, in den Klangraum geworfen und selbst in Momenten der Vehemenz oder der vorsichtigen elektronischen Verfremdung klar und perlend deutlich … ein Experiment mit Kontrasten aus der Tradition der offen fließenden Jazzmoderne … Pringles Klarheit der Dunkelheit.“

– Ralf Dombrowski, Jazz thing

„Mark Pringle ist ein außergewöhnlich begabter Pianist und Komponist sowie ein bemerkenswerter Improvisator“

– John Taylor

Foto © Martina Pozzan

www.markpringlemusic.com