12.09.2017_Le Pot

Manuel Mengis (Trompete & Elektronik)
Hans-Peter Pfammatter (Synthesizer & Klavier)
Manuel Troller (Gitarre)
Lionel Friedli (Schlagzeug)

Die Band Le Pot, bestehend aus Manuel Mengis an der Trompete, Hans-Peter Pfammatter an Piano, Synths und Moog, Manuel Troller an der Gitarre und Lionel Friedli am Schlagzeug bietet mit ihrer Serie She-Hera-Zade, erschienen auf dem Schweizer Label Everest Records, ein Hörerlebnis der Sonderklasse.

Die Trilogie erzählt keine Bandwurmgeschichte aus Tausendundeiner Nacht mit Happy End. Eher ist sie eine Reise in die Zukunft. Eine Zeit also, die im Dunkeln liegt, die wir höchstens in Fragmenten erahnen können. Die Band wird zum Instrument, das in die 5. Dimension weist. Was man Instant Composing, Avant-Improvisation oder einfach Kompositionen in der Zeit nennt, erinnert in Bruchstücken an industrial oder dark industrial, an zersplitterte Glasscheiben, und das Netz aus ambient-Elementen an eine dräuende Gefahr. Ein Klangbild entsteht, das die Form eines Triptychons annimmt und trotz Dunkelheit um ein lichtes Zentrum kreist.

Im Jahr 2016 wurde die Trilogie mit der äußerst minimalistisch gewordenen Scheibe Zade, die rein akustisch ist, abgeschlossen. Die acht Nummern schließen an die CD Hera an, die unter anderem eine Auseinandersetzung mit klassischen Stücken wie das „Requiem Aeternam“ aus dem War Requiem von Benjamin Britten ist und die im Jahr 2014 in der Burgkirche Raron aufgenommen wurde. Während Hera, die 2015 erschienen ist, noch mit melodiösen Linien, Farben und jazzigen Beats aufgeladen ist , treibt die letzte der Serie, Zade, das Flirren, Klirren, Wummern und Hallen einem radikalen Ende zu. Der Abschluss der Trilogie ist ein wahrer Abgesang, ein Endspiel geworden. Die instrumentalen Interventionen sind spärlich gesetzt. So entsteht viel Raum. Und Zeit. Sie dehnt sich im repetitiven Pianoton, der wie eine Mahnung über dem Stück „Open out“ steht, während die Trompete fast nur noch als Erinnerung fungiert und auch das Schlagzeug und die Gitarre nach langen Pausen mit einzelnen präzisen Sprengseln den Klangteppich aufrechterhalten. Es ist dies ein Klangerlebnis, das einem Lauschen gleichkommt, einem Hinhorchen, wobei der Eindruck einer großen Stille entsteht.

Während in Hera, die elektronisch und akustisch gespielt wird, lange Spannungsbögen aufgebaut werden, die sich verdichten und überlagern, die Musiker nebeinanderher improvisieren oder in perfekter Parallelführung miteinander spielen, ob sie auf einen Höhepunkt hinsteuern oder einen Rhythmus oder eine Melodie wiederaufnehmen, ob sie in der letzten Nummer „Now until the break of day“ humorvoll auf den kommenden Tag warten oder eine solistische Drum Einlage hervorzaubern, stets hat man das Gefühl einer noch existenten und in Bruchstücken funktionierenden Welt. In Zade hingegen trifft man auf das Futur II. Hier wird eine Welt skizziert, die in die Zukunft weist im Sinne eines postindustriellen, postdemokratischen und möglicherweise postatomaren Zeitalters. Ein Abgesang also, der in letzter Konsequenz in Stille mündet. Oder in neue Lebenszeichen.

Bereits der Beginn der Trilogie, die CD She, erschienen im Jahr 2014, umfasst alle Elemente, die diesen Sound spannungsreich machen: ein hochenergetisches Zusammenspiel, ein dichter elektronischer Klangteppich, große Bögen mit langsamen, stetigen Steigerungen und unerwartete Tempiwechsel. Auf She kommt die Kühnheit des Freejazz am kräftigsten und ungezähmtesten zum Ausdruck. Hier wird der abstrakte, ätherische Sound mit elektronischen Mitteln bis an die Grenzen ausgereizt. Bisweilen wird der Hörer, wie im Stück lccl, durch Rhythmus erlöst, durch die einsetzende Gitarre, eine Trompete, die an den coolen Miles Davis erinnert oder einfach nur durch Stille. Im ersten Stück „Ariel Alert“ fängt die Gruppe mitten im Gefecht an, um den dichten elektronischen Klang unvermittelt abbrechen zu lassen. Dies steigert die Wirkung des zweiten Stücks, „Desert Whale Song“, das mit leisen und spärlich gesetzten Tönen anfängt und damit das Ende der Trilogie vorwegnimmt. Dazwischen wird der Hörer mit Höhepunkten, Spannungsbögen, Brüchen und Variationen voller emotionaler oder gar existentieller Dringlichkeit beschenkt. Die Scheibe endet mit „Hier, oder am anderen Ende“, ein Stück, das man irgendwo in den Tiefen des Meeres lokalisiert, die einzelnen Signale hören sich an wie Echolote, der Schallimpuls führt weiter in eine Art Nachwelt. Es ist dies eine Klangerfahrung, die einem die Ohren öffnet und die lange nachwirkt.

Christine Pfammatter

www.le-pot.com

HERA

Wie eine Burg thront die Kirche St.Romanus über dem Dorf Raron; dem Zeitgeist trotzend, bietet sie einen intimen, friedvollen und konzentrierten Raum. LE POT, mit Manuel Mengis an der Trompete, Hans-Peter Pfammatter am Piano/Keyboard, Lionel Friedli am Schlagzeug und Manuel Troller an der Gitarre, hat sich für die Aufnahmen ihres neuen Albums «Hera» vier Tage lang in der Burgkirche eingenistet. Das Setting war nicht zufällig gewählt. Als Ausgangspunkt für ihre akustischen Expeditionen bedient sich die Band Fragmenten aus der Musik von Benjamin Britten: einer Melodie aus dem «Requiem aeternam», einzelnen Themen aus der Beggar‘s Opera, einem Song aus «A Mid Summernight‘s Dream». Es sind dies mystische, traumwandlerische Klänge, die wie aus der Zeit gefallen scheinen, aber niemals ins Esoterische oder Lieblich-Harmlose kippen. Stets umgibt Brittens Musik auch das Dunkle, Finstere. Die Getriebe knirschen, sie reiben sich, greifen nicht recht ineinander; die tonalen Zentren verlieren unmerklich an Kontur, gleiten vom Dur ins Moll. «Meine Musik trägt die Schönheit der Einsamkeit und des Schmerzes in sich», hat der Komponist einmal bemerkt.

LE POT nimmt Brittens Melodien als Einstieg in ein freies Spiel und macht sich auf, Neuland zu erschliessen: Hera? Den Himmel? Die Erlösung? Vielleicht. Immer wieder aber stösst die Band die Kirchentüre auf, lässt das Weltliche – Gier, Ängste, Übermut und Triebe – ins Geistliche einsickern. Die Melodien verlieren sich; die Rhythmen mutieren; impressionistisch hingetupfte Klangbilder lösen sich im Säurebad einer Gitarre oder eines dröhnenden Keyboards auf: Sie beginnen zu flirren und zu flattern, formieren sich mal zu düsteren Collagen, mal zu heiteren tableaux vivants. War das eben eine Gewehrsalve? Ein kecker Liebesantrag? Der Schrei einer Krähe? Die Imaginationskraft dieser Band ist immens – und doch nie ausufernd. Dafür sorgt ein konzeptueller Rahmen, der den Ausbruch domestiziert und die Spannung jederzeit aufrecht hält. Dem Zufall lässt man freilich genügend Raum: So sind an einer Stelle die 500-jährigen Kirchenglocken zu hören – neun leise Schläge, dann übernimmt die Band.
Das akustisch-mystische «Hera» ist – nach dem elektrisierenden «She» – das zweite Album einer Trilogie, die mit «Zade» ihren Abschluss finden wird.
(Nicolas Gattlen)

SHE

tanzt
wankt
hebt ab und flirrt

Ihr Spiel steht permanent auf der Kippe, : LE POT, die Band mit Manuel Mengis an der Trompete und Electronics, Hans-Peter Pfammatter am Moog und anderen Synths, Lionel Friedli am Schlagzeug und Manuel Troller an der Gitarre. Die vier Musiker, deren Wege sich immer wieder gekreuzt hatten – unter anderen in Mengis’ Gruppe 6 – veröffentlichen nun die CD-Trilogie «She-Hera-Zade». Gleich wie im persischen Märchen ist ein narrativer Hochspannungsfaden auszumachen, der traumhaft gesponnen ist. Ein Faden, der musikalisch in neue, unkontrollierbare Gebiete des Unterbewusstseins führt.

Die Musik auf der nun vorliegenden ersten CD «She» flimmert und flirrt konstant, driftet ab Richtung Psychedelik, ist elektronisch infiziert und sucht immer das freie Feld. Die vier spielen sich frei von jedwelchen Jazz-Klischees, verlassen sich auf ihre Intuition, wirken wie Tiere, die freigelassen werden – lauernd und angriffig.

«She» ist ein atemloser Auftakt dieser Trilogie: Die Kompositionen nehmen immer neue Formen an und gleichen amorphen Aliens aus Science-Fiction-Filmen, die aus ihrer kleinsten Zelle immer weiter wachsen und sich unaufhaltsam ausbreiten.

Das elektrisierende «She» wird im Frühling 2015 mit dem mystischen «Hera» eine akustisch gehaltene Fortsetzung finden, die von den Motiven des Komponisten Benjamin Britten inspiriert ist. Wohin der Abschluss «Zade» führt ? Nun, das  ist noch ungewiss – denn die musikalischen Wege von Le Pot führen abenteuerlich weiter.
(Sartorius Benedict)